Blasenschwäche: Wie man vorbeugen kann, was hilft

    Frau bläst Seifenblasen

    Blasenschwäche ist ein weit verbreitetes Problem. Es betrifft überwiegend Frauen, zum Beispiel schon fast 20 Prozent der Frauen zwischen 18 und 29 Jahren. Tendenz mit dem Alter steigend. Und so gut wie allen Betroffenen ist Blasenschwäche so unangenehm, dass sie nicht über sie sprechen. Dabei muss man das Problem nicht einfach so hinnehmen, denn es gibt einerseits per Beckenbodentraining Möglichkeiten zur Prävention und andererseits Behandlungsmethoden, die helfen. Die BIG bietet in Zusammenarbeit mit pelvina eine spezielle App für Beckenbodenübungen an. Theresia, eine der Beckenbodenexpertinnen von pelvina, erklärt im Interview Vorbeugung, Risikofaktoren und Behandlungsmöglichkeiten für Blasenschwäche.   

    Disclaimer

    Mehr Informationen zum Beckenbodentraining mit pelvina

    Das Interview wurde mit Theresia, Beckenbodenexpertin bei pelvina, geführt. Die App pelvina ist ein Gesundheitskurs und sollte nicht zur Therapie von akuten Beschwerden eingesetzt werden. Im Fall von akuten Beschwerden bitte einen Arzt aufsuchen.

    Bei Blasenschwäche denkt man spontan nur an ältere Frauen. Stimmt das?

    Nein, das stimmt so nicht. Das Auftreten von Blasenschwäche zieht sich in Deutschland einmal quer durch alle Altersgruppen. Auch junge Frauen sind sehr oft davon betroffen. Eine wissenschaftliche Befragung hat gezeigt, dass in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren 19,7% der teilnehmenden Frauen von einer Blasenschwäche betroffen sind. In der Altersgruppe zwischen 30-39 Jahren sind es dann schon 40,2% (1).

    Eine Form von Blasenschwäche, die vor allem auch junge Frauen betrifft, ist die sogenannte Belastungs- oder Stressinkontinenz. Das heißt, die Frau verliert bei erhöhter Belastung, also zum Beispiel bei erhöhtem Druck im Bauchraum, Urin. Diese Belastungen können bei einer milden Form klassischerweise das Niesen, Lachen oder Husten sein, aber auch bestimmte Belastungsmuster im Sport. Ursache ist meistens eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur, die dazu führt, dass der Schließmechanismus der Harnröhre nicht mehr zuverlässig arbeitet.

    Auch wenn der Hauptrisikofaktor für das Entwickeln einer Blasenschwäche gerade bei jungen Frauen eine Schwangerschaft oder Geburt ist, gibt es Studien, die zeigen, dass auch unter jungen Spitzensportlerinnen, die noch keine Kinder auf die Welt gebracht haben, sehr viele unter einer Blasenschwäche leiden. Wenn wir das in Zahlen ausdrücken wollen, sind das, je nach Sportart, zwischen 6 und 80% der Leistungssportlerinnen. Aber auch fast jede dritte Sportstudentin und auch fast jede dritte Fitnesstrainerin verliert ungewollt Urin. Blasenschwäche betrifft also jede Altersgruppe von Frauen, auch wenn gerade bei den jungen Frauen nicht gerne darüber geredet wird (2,3).

    Wer ist am meisten davon betroffen?

    Obwohl auch junge und fitte Frauen von einer Blasenschwäche betroffen sind, steigt die Wahrscheinlichkeit unter einer Blasenschwäche zu leiden mit dem Alter an. Bei den 50-59-Jährigen ist tatsächlich jede zweite Frau (53%) in Deutschland betroffen und bei den über 80-Jährigen geht der Anteil noch einmal etwas nach oben (59%). Das heißt, ältere Frauen sind mehr betroffen als jüngere Frauen (1). Die zweite „Hochrisikogruppe“ sind schwangere Frauen und Frauen, die bereits entbunden haben. Bei mehr als einem Drittel der schwangeren Frauen kommt es im zweiten und dritten Trimester der Schwangerschaft zu einem unfreiwilligen Urinverlust und etwa ein Drittel der Frauen verliert in den ersten drei Monaten nach der Entbindung ungewollt Urin. (4).

    Gibt es Risikofaktoren, die eine Blasenschwäche begünstigen können?

    Ja, die gibt es in der Tat. Eine ganze Menge sogar. Dazu eine kleine Liste (5):

    • Alter
    • Rauchen
    • Übergewicht (vor allem ein BMI >35)
    • Durchgemachte Schwangerschaften und Geburten
    • Zusätzliche gynäkologische/urologische Probleme (Senkungsproblematiken, Anale Inkontinenz, Obstipation, Menopause)
    • Andere zusätzliche Erkrankungen (Diabetes Mellitus, Demenz, Herz/Kreislauferkrankungen, Chronische Erkrankungen der Atemwege, die mit ständigem Husten einhergehen)
    • vorangegangene Operationen im Unterleib
    • Die Einnahme bestimmter Medikamente (zum Beispiel bei einer Hormontherapie während der Wechseljahre, Diuretika, die Einnahme von Opioiden usw.)
    • Ständiges schweres Heben
    • High Impact Sportarten (wie zum Beispiel Trampolinspringen, Bodenturnen, Volleyball, Handball, Tennis, Cross Fit, Gewichtheben)

    Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es?

    Gerade in der Schwangerschaft und während der Geburt ist es sinnvoll, den Beckenboden regelmäßig zu trainieren. Eine Studie konnte nachweisen, dass sich damit das Risiko einer Inkontinenz nach der Geburt präventiv verringern lässt (6). Schwangere Frauen ohne Harninkontinenz, die ein präventives Beckenbodentraining zur Vorbeugung einer Inkontinenz durchführen zeigen außerdem in der späten Schwangerschaft weniger ungewollten Urinverlust (4). Aber auch bei jungen und gesunden Frauen, die regelmäßig High Impact Sportarten ausführen, ist es wichtig, präventiv aktiv zu werden. Das heißt grundsätzlich erstmal, dass sie eine gute Beckenbodenwahrnehmung erlernen: also den Beckenboden problemlos aktivieren, aber auch wieder loslassen können.Zusätzlich kann man den Beckenboden nach körperlicher Anstrengung in Entlastungspositionen durch bewusstes und sanftes Anspannen und Entspannen pflegen und ihm Zeit geben, sich zu regenerieren.

    Für alle Frauen ist es außerdem wichtig den Beckenboden in den Alltag miteinzubeziehen. Bevor frau also zum Beispiel eine schwere Kiste anhebt, aktiviert sie vorher bewusst den Beckenboden und versucht diese Spannung während des Tragens beizubehalten. Im Anschluss ist es dann auch extrem wichtig, den Beckenboden wieder bewusst locker zu lassen. Denn zu viel Spannung im Beckenboden kann diesen auch schwächen und damit zu einer Blasenschwäche führen.Zusätzlich ist es natürlich auch sehr sinnvoll, wenn auch ohne Symptome ein regelmäßiges Beckenbodentraining durchführt wird. Das dauert höchstens ein paar Minuten und mit 3x12 Beckenbodenanspannungen und -entspannungen im Wechsel in verschiedenen Ausgangspositionen ist frau schon gut dabei.

    Gibt es erste Anzeichen für Blasenschwäche, bevor man unbeabsichtigt Urin verliert?

    Das ist schwierig zu sagen, denn eine Blasenschwäche zeichnet sich durch den unbeabsichtigten Verlust von Urin aus. Ein geschwächter Beckenboden ist aber gerade bei einer Belastungsinkontinenz oft mitbeteiligt oder liegt ihr zu Grunde. Ob der Beckenboden über genügend Kraft und Flexibilität verfügt, kann zum Beispiel eine spezialisierte Beckenboden-Physiotherapeutin durch eine entsprechende vaginale Untersuchung feststellen. Wenn frau also bestimmte Risikofaktoren mitbringt, wie zum Beispiel eine vorangegangene Entbindung oder das regelmäßige Durchführen einer High Impact Sportart, ist es durchaus sinnvoll sich einen solchen Befund einzuholen. Ein erstes Anzeichen für eine Blasenschwäche in Form einer Dranginkontinenz kann sein, dass die Frau ständig und ganz dringend auf die Toilette muss, dann aber nur wenig Urin kommt. Manchmal fällt den Frauen auch auf, dass sich ihr Urinstrahl verändert oder sie Schwierigkeiten hat Urin abzugeben. Auch in diesem Fall ist es unbedingt ratsam sich Hilfe bei einem/einer Spezialistin (Urologe/Urologin) zu holen, der/die dann ganz spezifisch testet, wie gut die Blase dichthalten kann.

    Kann man die verschiedenen Stadien der Krankheit einteilen?

    Zunächst einmal werden die häufigsten Formen der Blasenschwäche aufgeteilt in Belastungsinkontinenz, Dranginkontinenz und eine Mischform aus beidem. Eine Stressinkontinenz/Belastungsinkontinenz zeichnet sich durch ungewollten Urinaustritt im Zusammenhang mit Husten, Niesen oder körperliche Anstrengung aus. Die Dranginkontinenz geht einher mit einem unbeabsichtigtem Urinverlust, der verbunden ist mit einem plötzlichen zwingenden Wunsch Urin abzulassen, der nur schwer aufzuschieben ist (5). Die Belastungsinkontinenz kann man dann nochmal in verschiedene Schweregrade/Stadien einteilen:

    • Grad 1: Urinverlust beim Husten, Niesen, Pressen, Heben, Tragen schwerer Gegenstände
    • Grad 2: Urinverlust beim Gehen oder Aufstehen
    • Grad 3: Urinverlust bereits im Liegen

    Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

    Da eine operative Therapie bei einer Belastungsinkontinenz/Dranginkontinenz erst nach Ausschöpfen der konservativen Therapie in Betracht gezogen werden soll, werden sich die Antworten auf diese Frage vorranging mit den konservativen Maßnahmen beschäftigen. Natürlich muss die Behandlung individuell auf die Frau abgestimmt werden und sollte auf einer speziellen Diagnostik aufbauen. Da einer Blasenschwäche oft eine Beckenbodenschwäche zu Grund liegt, sollte ein angeleitetes Beckenbodentraining über mehr als 3 Monate kombiniert mit einem Blasentraining durchgeführt werden. Bevor mit dem Beckenbodentraining begonnen wird, sollte zur Beurteilung der individuellen Beckenbodenaktivität eine vaginale Untersuchung, evtl. mit Hilfe eines Perineometers (ein Gerät, das den Druck in der Scheide der Frau messen kann) stattfinden. Diese Untersuchung kann zum Beispiel im Rahmen einer physiotherapeutischen Behandlung durch eine Beckenbodenspezialistin durchgeführt werden (dazu braucht frau ein Rezept von ihrem Arzt).

    In der Schwangerschaft - in Abstimmung mit der Frauenärztin - und nach der Rückbildung kann ein Beckenbodentraining sowohl zur Prävention (siehe letzte Frage) und Therapie einer beckenbodenbedingten Harninkontinenz eingesetzt werden. Frauen lernen dabei, ihre Beckenbodenmuskulatur vor und während einer Erhöhung des Drucks im Unterleib, wie z.B. beim Husten, bewusst zu kontrahieren, um ein „Auslaufen“ zu verhindern. Gleichzeitig wird durch gezieltes und regelmäßiges Muskelkrafttraining die Unterstützung der Blase durch den Beckenboden verbessert.

    Da Übergewicht ein Risikofaktor für eine Blasenschwäche bei Frauen darstellt und ein Gewichtsverlust die Inkontinenzbeschwerden um mehr als 5% verbessern kann, sollte bei übergewichtigen Patientinnen eine Gewichtreduktion ein zusätzlicher nächster Schritt sein. Außerdem können noch individuell angepasste Pessare zum Einsatz kommen. Pessare sind Hilfsmittel, die in die Scheide eingeführt werden und bei einer Belastungsinkontinenz die Harnröhre und die Blase bei körperlicher Aktivität stützen. Die Frau führt das Pessar selbst ein und entfernt es dann auch wieder selbst. Bei einer Dranginkontinenz können zusätzlich zu einem Beckenbodentraining/einer Physiotherapie noch ein Verhaltenstraining (Trink- und Toilettentraining) und Medikamente, die die Blasenreizung unterdrücken, sinnvoll sein (5).

    Quellen

    • 1) Schreiber Pedersen, L., Lose, G., Høybye, M. T., Elsner, S., Waldmann, A., & Rudnicki, M. (2017). Prevalence of urinary incontinence among women and analysis of potential risk factors in Germany and Denmark. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica, 96(8)
    • 2) Da Roza, T., de Araujo, M. P., Viana, R., Viana, S., Jorge, R. N., Bø, K., & Mascarenhas, T. (2012). Pelvic floor muscle training to improve urinary incontinence in young, nulliparous sport students: a pilot study. International Urogynecology Journal, 23(8), 1069–1073. doi:10.1007/s00192-012-1759-2
    • 3) Sania Almousa & Alda Bandin Van Loon (2019): The prevalence of urinary incontinence in nulliparous female sportswomen: A systematic review, Journal of Sports Sciences,DOI: 10.1080/02640414.2019.1585312
    • 4) Woodley SJ, Lawrenson P, Boyle R, Cody JD, Mørkved S, Kernohan A, Hay-Smith EJC. Pelvic floor muscle training for preventing and treating urinary and faecal incontinence in antenatal and postnatal women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, Issue 5. Art. No.: CD007471. DOI: 10.1002/14651858.CD007471.pub4.
    • 5) Aoki, Y., Brown, H. W., Brubaker, L., Cornu, J. N., Daly, J. O., & Cartwright, R. (2017). Urinary incontinence in women. Nature Reviews Disease Primers, 3, 17042. doi:10.1038/nrdp.2017.42
    • 6) Boyle, R., Hay-Smith, E.J., Cody, J.D., & Mørkved, S. (2014). Pelvic floor muscle training for prevention and treatment of urinary and fecal incontinence in antenatal and postnatal women: a short version Cochrane review. Neurology and Urodynamics, 33(3):269-76
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