Mehr Wissen: Wie lässt sich Bettnässen behandeln?

Bettnässen kommt bei Kindern und Jugendlichen häufiger vor, als viele Menschen denken. Regelmäßige nächtliche „Unfälle“ können für die ganze Familie sehr belastend sein. Meist erledigt sich das Problem mit der Zeit aber von selbst. Bis dahin gibt es einige Möglichkeiten, dem Kind zu helfen. Wichtig ist dabei vor allem eins: Geduld.

Der Markt für verschiedenste Produkte und Mittel, die bei Bettnässen Abhilfe schaffen sollen, ist groß. Einige dieser Produkte können helfen, viele sind jedoch überteuert und werden mit falschen Versprechungen beworben. Da so gut wie jedes Kind früher oder später von selbst trocken durch die Nacht kommt, ist es schwierig zu beurteilen, ob ein Mittel tatsächlich geholfen hat oder ob die Blasenkontrolle während der Zeit der Anwendung von ganz allein ausgereift ist.

Nur wenige Methoden haben sich in Studien als hilfreich erwiesen. Dazu gehören vor allem elektronische Wecksysteme wie Klingelhöschen und Klingelmatten sowie bestimmte Medikamente. Wichtig zu wissen: Keine Methode kann garantieren, dass ein Kind schneller trocken wird. Aber einige können zumindest einem Teil der Kinder helfen.

Doch wann ist es überhaupt sinnvoll, über eine Behandlung nachzudenken? Viele Kinder, die mit fünf Jahren noch einnässen, werden von alleine trocken, bis sie sieben Jahre alt sind. Drängender werden die Probleme oft erst, wenn die Kinder eingeschult werden. Abgesehen vom Alter des Kindes sind bei der Abwägung für oder gegen eine Behandlung noch andere Faktoren wichtig: Wie belastend ist das Bettnässen für Kind und Eltern? Hat das Kind von sich aus den Wunsch, trocken zu werden und ist bereit, eine Behandlung zu versuchen?

Wenn das Selbstbewusstsein des Kindes durch das Bettnässen spürbar leidet, kann eine Behandlung selbst dann sinnvoll sein, wenn es nur selten ins Bett macht, oder wenn die Behandlung nur eine leichte Besserung bewirkt. Anders herum nützt eine Behandlung wenig, wenn das Kind sie nicht will oder noch gar nicht reif genug ist.

Verhaltenstraining

Ein einfaches Verhaltenstraining ist häufig das Erste, was Eltern und Kinder versuchen, um Bettnässen vorzubeugen. Es soll dem Kind helfen, ohne größeren Aufwand die Kontrolle über seine Blase zu erlernen. Es gibt verschiedene Ansätze, zum Beispiel:

  • Belohnungssysteme wie den Sonne-Wolken-Kalender: Dabei malt das Kind nach einer trockenen Nacht eine Sonne, nach einer nassen Nacht eine Wolke.
  • Vorbeugender Gang zur Toilette: Abgesehen vom selbstverständlichen Toilettengang kurz vor dem Zubettgehen ist eine Möglichkeit, das schlafende Kind aus dem Bett zu holen und zur Toilette zu bringen oder es planmäßig aufzuwecken, damit es selbst gehen kann.
  • Flüssigkeitszufuhr begrenzen: Manche Eltern versuchen, Bettnässen vorzubeugen, indem sie darauf achten, dass das Kind abends nichts oder nur noch wenig trinkt.
  • Blasentraining: Dabei übt das Kind, das Wasserlassen tagsüber hinauszuzögern. Dadurch soll es sein Blasenvolumen vergrößern und lernen, wie sich eine volle Blase anfühlt.

Zum Nutzen von einfachem Verhaltenstraining bei Bettnässen gibt es nur wenige und kleine Studien – es ist also noch unklar, ob sie tatsächlich helfen. Belohnungssysteme, vorbeugende Toilettengänge oder Blasentraining könnten aber besser sein, als das Kind gar nicht zu unterstützen. Dabei lassen sich die verschiedenen Maßnahmen auch kombinieren.

Ob ein Verhaltenstraining eingesetzt wird oder nicht: Vor allem ist es wichtig, das Kind nicht auszuschimpfen oder mit Strafen unter Druck zu setzen.

Elektronische Wecksysteme

Elektronische Wecksysteme registrieren Nässe und lösen einen Alarm aus, wenn die Blase des Kindes beginnt, sich zu leeren. Der Alarm soll das Kind möglichst bei den ersten Tropfen aufwecken, damit es die Blasenentleerung stoppen und zur Toilette gehen kann – allein oder mit Hilfe der Eltern. Mit der Zeit soll es lernen, schon vor dem Alarm aufzuwachen, wenn seine Blase voll ist.

Es gibt verschiedenste Wecksysteme wie zum Beispiel Klingelhöschen, Klingelmatten oder Mini-Wecksysteme, die an der Unterhose oder am Schlafanzug angebracht werden. Manche Systeme arbeiten mit Lichtsignal oder Vibrationsalarm, andere funktionieren über Funk. In Deutschland werden die Kosten für bestimmte Weckgeräte in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, wenn sie als Hilfsmittel anerkannt und ärztlich verschrieben sind. Elektronische Wecksysteme müssen über einige Wochen eingesetzt werden.

Wecksysteme sind die wirksamste Methode gegen Bettnässen, auch ihr langfristiger Erfolg ist relativ klar belegt. Verschiedene Geräte sind mittlerweile in mehr als 50 Studien mit über 3000 Kindern und Jugendlichen erprobt worden.

Die Studien zeigten, dass während der Anwendung des Wecksystems über 60 von 100 Kindern mindestens 14 Tage hintereinander trocken waren. Zum Vergleich: Ohne Wecksystem waren nur etwa 4 von 100 Kindern trocken.

Einige Kinder hatten erneut Probleme, wenn sie aufhörten, das Wecksystem zu benutzen. Aber mehr als 40 von 100 Kindern waren auch einige Wochen oder Monate nach dem Einsatz des Wecksystems noch dauerhaft trocken. Aus der Gruppe der Kinder, die kein Wecksystem benutzt hatte, blieb nur eins von 100 Kindern auch dauerhaft trocken.

Es kann aber durchaus vier Monate dauern, bis sich ein Erfolg einstellt.

Die Studien zeigten keinen Unterschied in der Wirksamkeit von Klingelhöschen und -matten. Kinder und Jugendliche bevorzugen anscheinend jedoch Höschen.

Ein Grund dafür, warum Wecksysteme nicht allen Kindern helfen, ist, dass manche Kinder sehr tief schlafen und auch durch den Alarm des Wecksystems oder mit Hilfe der Eltern nicht aufwachen. Der nächtliche Alarm stört dann vor allem Eltern und Geschwister.

Das Risiko für einen Rückfall lässt sich verringern, wenn sich an eine erfolgreiche Behandlung mit Wecksystemen eine zweite Trainingsphase anschließt, in der das nun trockene Kind vor dem Schlafengehen mehr trinkt als sonst. Auf diese Weise kann es lernen, auch bei besonders voller Blase schnell genug aufzuwachen.

Eltern und Kind müssen Willen und Geduld mitbringen, um ein Wecksystem auszuprobieren. Medikamente erscheinen da vielleicht als leichtere Behandlung. Der Vorteil von Wecksystemen gegenüber Medikamenten ist aber, dass der Erfolg meist auch noch nach Ende der Behandlung anhält. Nebenwirkungen wie bei Medikamenten sind nicht zu befürchten. Allerdings wird während der Behandlung der Schlaf gestört und das Kind (und der Rest der Familie) kann tagsüber müde sein.

Medikamente

Auch Medikamente können zur Behandlung von Bettnässen eingesetzt werden. Allerdings ist nur für zwei Gruppen von Medikamenten nachgewiesen, dass sie Bettnässen vorübergehend stoppen können. Dabei handelt es sich um das Hormon Desmopressin und sogenannte trizyklische Antidepressiva. Sie müssen von einer Ärztin oder einem Arzt verordnet werden. Die Mittel sind aber meist nur solange wirksam, wie sie eingenommen werden. Nach dem Absetzen kehrt das Bettnässen bei vielen Kindern zurück.

Desmopressin

Desmopressin wirkt ähnlich wie das körpereigene Hormon Vasopressin, das nachts vom Gehirn ausgeschieden wird, um die Urinproduktion zu verringern. Die Wirkung hält allerdings nur solange an, wie die Tabletten eingenommen werden.

Desmopressin wird üblicherweise als Tablette in einer Dosierung von 20 Mikrogramm täglich vor dem Schlafengehen eingenommen. In Studien blieben etwa 19 von 100 Kindern während einer Behandlung mit dieser Dosierung mindestens 14 Tage am Stück trocken – aber nur eins von 100 Kindern, die statt des Mittels ein Scheinmedikament erhalten hatten.

Bei etwa 5 von 100 Kindern, die Desmopressin-Tabletten einnehmen, treten Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit auf. Sie entstehen meist, weil die Kinder zu viel Wasser im Körper behalten. Um Nebenwirkungen zu vermeiden, sollen Kinder und Jugendliche abends nicht mehr als ein Glas Flüssigkeit trinken, solange sie Desmopressin nehmen. Dies ist auch wichtig, um eine zwar seltene, aber schwere Nebenwirkung zu vermeiden, die sogenannte Wasserintoxikation. Dazu kommt es, wenn der Körper zu viel Wasser speichert. Erste Anzeichen können Übelkeit, Erbrechen oder Schwindel sein.

Das Medikament wirkt relativ schnell und kann bereits nach der ersten Einnahme erfolgreich sein. Deshalb kann es zum Beispiel helfen, Bettnässen zu vermeiden, wenn das Kind bei Freunden übernachtet. Um zu testen, ob das Mittel ausreichend wirkt und richtig dosiert ist, probiert man es am besten schon einige Zeit vor einem solchen Datum aus. Desmopressin kann auch hilfreich sein, wenn ein Kind so tief schläft, dass es vom Alarm eines Wecksystems nicht aufwacht.

Trizyklische Antidepressiva

Die zweite Gruppe von Medikamenten gegen Bettnässen sind die trizyklischen Antidepressiva, auch „Trizyklika“ genannt. Sie werden vor allem zur Behandlung von Depressionen eingesetzt, sind aber auch bei Bettnässen zugelassen. Trizyklika verkürzen die Traumphasen (REM-Phasen) des Schlafs, regen die Vasopressin-Produktion an und beeinflussen die Blasenmuskulatur.

Ein Antidepressivum, das bei Bettnässen relativ gut untersucht ist, ist der Wirkstoff Imipramin. Von 100 Kindern, die es in Studien genommen hatten, blieben etwa 22 für mindestens 14 Nächte hintereinander trocken. Von 100 Kindern, die ein Scheinmedikament eingenommen hatten, waren es etwa 5. Wie Desmopressin wirken auch Trizyklika meist nur solange, wie sie eingenommen werden.

Bei etwa 17 von 100 Kindern, die die Mittel einnehmen, kommt es zu unerwünschten Wirkungen wie niedrigem Blutdruck, Herzrasen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Schwitzen, Übelkeit, Müdigkeit oder Schlafstörungen. Trizyklische Antidepressiva müssen außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahrt werden, da eine Überdosierung lebensgefährlich sein kann.

Andere Arzneimittel und Therapien

Manchmal werden auch andere Arzneimittel gegen Bettnässen empfohlen. Es gibt aber bislang keinen zuverlässigen Beleg dafür, dass sie einem Kind helfen, nachts trocken zu werden. Zudem sind die meisten dieser Arzneimittel in Deutschland nicht zur Behandlung von Bettnässen zugelassen. Ein Beispiel hierfür ist das Beruhigungsmittel Diazepam, das zudem viele Nebenwirkungen hat und abhängig machen kann.

Eine andere Möglichkeit ist es, verschiedene Wirkstoffe wie beispielsweise ein trizyklisches Antidepressivum und ein Anticholinergikum zu kombinieren. Diese Kombination ist aber noch nicht ausreichend untersucht. Daher lässt sich nicht zuverlässig sagen, ob sie helfen kann und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist.

Für Therapien der komplementären oder alternativen Medizin, wie zum Beispiel Heilkräuter, Chiropraktik, Homöopathie, Hypnose und Akupunktur ist ein Nutzen bei Bettnässen nicht belegt. Viele dieser Therapien wurden bisher nur in ersten Studien mit geringer Aussagekraft untersucht.

Offen ist bislang auch, ob Kinder von unterschiedlichen Formen der Psychotherapie profitieren können.

Quellen

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