„Das große Glück mag kleine Dinge“ - Hygge und die Wirkung auf unsere Psyche

    HYGGE: Freundinnen sitzen zusammen und trinken Tee

    Der dänische Trend „Hygge“ verspricht Zufriedenheit und Glück. Was ist dran? Wir haben die Diplom-Psychologin Birgitta Thiel von der IVPNetworks GmbH befragt, was aus psychologischer Sicht hinter Hygge steckt.

    Frau Thiel, der dänische Wohlfühl-Trend „Hygge“ wird aktuell viel besprochen. Was halten Sie davon?

    Birgitta Thiel: Grundsätzlich ist alles, was unsere Selbstfürsorge unterstützt und uns auf die schönen Dinge des Lebens fokussieren lässt positiv zu bewerten.

    Hygge transportiert eine Lebensphilosophie, die uns anhält, kleine Dinge als wichtig wahrzunehmen und gegenüber ihnen achtsam zu sein und so zu entschleunigen. Gleichzeitig verkörpert Hygge eine Haltung, die ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeits-und Privatleben schafft – ein wertvolles und nötiges Gegengewicht zu den alltäglichen Herausforderungen in Beruf und Familie.

    Können Sie den Trend "Hygge" noch etwas genauer erklären?

    Dazu geht es bei Hygge ja neben schönen Dingen wie Kerzen oder einer Tasse Tee um das gemütliche und zwanglose Beisammensein mit Familie und Freunden. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit ist evolutionär bedingt für uns Menschen sehr wichtig und gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Eine wichtige Voraussetzung, um uns wohl, zufrieden und entspannt zu fühlen.

    Es ist kein Zufall, dass dieser Trend gerade in den nördlichen Ländern, die im Winter mit wenig Licht auskommen müssen, entstanden ist. Wir wissen, dass dieser Lichtmangel für viele Menschen eine Herausforderung ist und unser seelisches Gleichgewicht beeinflussen kann. Untersuchungen zeigen aber, dass die Menschen in den skandinavischen Ländern ein hohes Maß an Lebensqualität und Zufriedenheit haben. Hygge scheint also eine wirksame Lösungsstrategie zu sein, um mit den kurzen Tagen und langen Abenden gut zurechtzukommen.

    Welchen psychologischen Effekt hat Hygge?

    Hier sollten wir erst einen Blick auf unser Gehirn werfen. Dort gibt es einen Bereich, mit dem wir planen, überlegt handeln, abwägen, der also eher für die rationalen Dinge zuständig ist. Dann gibt es in unserem Gehirn noch den Bereich, der für die Emotionen zuständig ist. Er sorgt im Falle einer Gefahr dafür, dass wir blitzschnell unser Überleben sichern können, in dem wir die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausschütten. Stehen wir dauerhaft unter Stress, gibt es kein gesundes Verhältnis mehr zwischen Anspannung und Entspannung. Wir befinden uns in einer Art Daueralarm. Der damit verbundene ständig erhöhte Spiegel der Stresshormone kann dazu führen, dass wir gereizt und nervös sind, schlecht schlafen oder sogar einen Zustand der körperlichen und seelischen Erschöpfung entwickeln.

    Bei meinen Patienten verwende ich oft das Bild, dass wir in solchen Zuständen permanent von dem Gefühl begleitet werden, dass ein Bär um unser Haus schleicht. Die Leistungen unseres rationalen Gehirnteiles werden dann vernachlässigt zu Gunsten der Überlebenssicherung, was sich dann häufig auch in Konzentrationsstörungen zeigen kann.

    Eine Tasse Tee verbunden mit einem guten Gespräch mit der Nachbarin, gemeinsam mit Freunden kochen, jede Form von bewusstem Genuss und entspanntem Beisammensein beeinflusst unser Erleben positiv und sorgt dafür, dass wir uns entspannen und so Stresshormone abbauen. Zudem schüttet unser Gehirn das „Kuschelhormon“ Oxytocin aus. Ein Hormon, das für unser seelisches Gleichgewicht eine große Rolle spielt.

    Welchen Effekt hat es, wenn wir weniger Stresshormone in uns haben?

    Insgesamt fühlen wir uns weniger gestresst und sind ruhiger. Wir schlafen besser und können uns auch wieder besser konzentrieren. Wir sind wieder in der Lage, unsere Ressourcen zu nutzen und können somit unser Seelenkonto im Haben-Bereich halten – eine wichtige Voraussetzung, um gesund zu bleiben.

    Welchen Aspekt an Hygge finden Sie besonders wichtig?

    Mir gefallen zwei Aspekte daran besonders. Der eine ist, dass hier ein menschliches Grundbedürfnis erfüllt wird, nämlich das der Bindung und Zugehörigkeit. Ein Bedürfnis, das für uns soziale Wesen überlebenswichtig ist. Im Zeitalter von facebook, Whatsapp und Co sehe ich die Gefahr einer Vernachlässigung echter zwischenmenschlicher Beziehungen. Das führt auf Dauer zu Vereinsamung und in der Folge auch zu Anfälligkeit für seelische Erkrankungen. Ein Effekt, den wir besonders in den Großstädten beobachten können.

    Der andere Aspekt ist die Abwendung von materiellen Werten, die erwiesenermaßen nur sehr bedingt zu unserem Glück beitragen. Hygge ist kein teures Hobby, für das wir erst etwas anschaffen müssen und das sich nur privilegierte Menschen leisten können. Wir können es sofort und ohne große Anstrengung Stück für Stück umsetzen.

    Probieren Sie es aus: Zünden Sie eine Kerze an, kochen Sie einen Topf Suppe und laden Sie ein paar Freunde ein und seien Sie neugierig, in welcher Form der Hygge-Effekt dann vielleicht schon ein klein wenig bei Ihnen anklopft.

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