Rund 500 Besucher beim ersten BIGtalk | BIG direkt gesund

Alkohol und Beruhigungsmittel fördern Demenz

Gruppenfoto auf der Bühne

DORTMUND. Demenz ist eine Erkrankung, die nicht geheilt, doch abgemildert werden kann. Alkoholkonsum und die Einnahme von Tranquilizern, also Beruhigungsmitteln, begünstigen ihre Entstehung. Das erfuhren die rund 500 Interessenten des ersten BIGtalk unter dem Titel "Abschied auf Raten – Leben mit Demenz“, der am Donnerstagabend (21.1.) in der Dortmunder Hauptverwaltung der BIG direkt gesund stattfand. Dort ging der frühere SPD-Chef und einstige Vizekanzler Franz Müntefering auch auf die Herausforderungen der alternden Gesellschaft ein. Mit seiner kurzweiligen und lockeren Moderation nahm die „Stimme des Reviers“, der frühere Sportreporter Werner Hansch, dem Thema etwas von seiner Schwere. Hansch und Müntefering engagieren sich in der Rudi-Assauer-Initiative.

"Thema in der Politik angekommen"

Mit dem mutigen Schritt, seine Demenzerkrankung im Jahr 2012 im Rahmen der TV-Reportage „Ich will mich nicht vergessen“ öffentlich zu machen, habe Assauer die Öffentlichkeit endlich für die Erkrankung sensibilisiert. „Das Thema ist in der Politik angenommen“, stellte Hansch fest.

Pflegestärkungsgesetz II ein „Durchbruch“

Das bestätigte Peter Kaetsch, Vorstandsvorsitzender der BIG. Das Pflegestärkungsgesetz II bezeichnete er als „Durchbruch“. In diesem Jahr ist das Gesetz in Kraft getreten, wird aber erst Anfang 2017 wirksam. Das heißt im Klartext, die höheren Leistungen werden auch erst ab nächstem Jahr gezahlt. Das Gesetz sieht vor, dass die drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt werden. Patienten mit Demenz oder psychischen Erkrankungen erhalten endlich den gleichen Zugang zu Pflegeleistungen wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Kaetsch wies auch darauf hin, dass seit diesem Jahr pflegende Angehörige einen eigenen Anspruch auf Pflegeberatung haben. Hier bieten etwa die Alzheimer Gesellschaft Dortmund, die durch ihren Vorsitzenden Mirko Pelzer vertreten war, oder das Demenz-Servicezentrum der Region Dortmund, vertreten durch Bert Schulz, Unterstützung an.

Vorbeugung nur begrenzt möglich

Medizinische Kompetenz brachte Dr. Petra Dlugosch, Chefärztin für Gerontopsychiatrie an der LWL-Klinik Dortmund, in die Runde ein. Eine Demenzerkrankung könne sehr unterschiedliche Verläufe nehmen. Irritierend für Angehörige sei oftmals, dass gerade das Kurzzeitgedächtnis bei Demenzkranken betroffen sei, weniger das Langzeitgedächtnis. Die Betroffenen selbst versuchten aus falscher Scham, „so lange wie möglich eine Fassade aufrecht zu erhalten“. Sollte der Verdacht für eine demenzielle Erkrankung bestehen, sollte der erste Weg zum Hausarzt führen, empfahl Petra Dlugosch. Über verschiedene Tests könne festgestellt werden, ob die Beschwerden lediglich einer Altersvergesslichkeit oder tatsächlich einer ernsthaften Erkrankung zuzuschreiben seien. „Es gibt auch Menschen mit Depressionen, welche die Symptomatik einer Demenz aufweisen“, sagte sie. Ähnliches komme bei einer Schilddrüsenunterfunktion vor. „Werden Schilddrüsenhormone verabreicht, verschwindet die Demenzsymptomatik“, so die Medizinerin.

Einer Demenz vorzubeugen, sei allerdings nur begrenzt möglich, dämpfte Dlugosch entsprechende Hoffnungen. Ein gesunder Lebenswandel schütze nicht davor, habe aber auf die Gesamtkonstitution einen positiven Einfluss. Bewegung könne sich aufgrund der stärkeren Durchblutung durchaus positiv auf die Gehirnfunktionen auswirken. Der Konsum von Alkohol und Tranquilizern begünstige hingegen die Entstehung einer Demenz.

Müntefering: Mancher Angehörige macht sich "kaputt"

Die Politik habe in der Vergangenheit nicht alles richtig gemacht, doch einige Weichen richtig gestellt, sagte Franz Müntefering. Es gebe heute viel mehr Hilfe und Unterstützung für Pflegebedürftige als früher. Jedoch benötige unsere alternde Gesellschaft Menschen, die diese verantwortungsvolle Pflege leisten könnten und die müssten entsprechend entlohnt worden. Großer Applaus für Müntefering. Die Pflege von Demenzkranken sei eine ganz besondere Herausforderung, mancher Angehöriger mache sich damit „kaputt“. „Niemand sollte sich genieren, die angebotenen Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen“, sagte Müntefering. Eine Heimunterbringung sei keine „zweitklassige Lösung“. Er forderte von der Politik, die Demenz-Forschung stärker zu fördern, auch auf europäischer Ebene. Er wolle sich nicht damit abfinden, „dass man nichts tun kann“. Das sei auch einst über Brustkrebs oder Aids gesagt worden, doch die Forschung habe bei diesen Erkrankungen große Fortschritte gemacht.

Tänzchen mit der Sopranistin

Franz Müntefering befolgt selbst seinen Rat fürs gesunde Altern: „Bewegung der Beine ernährt das Gehirn“. Als Sopranistin Annette Linke ihn spontan zu einem Tanz aufforderte, ließ Müntefering sich nicht lange bitten. Zu „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ aus dem Musical „My fair Lady“ glitten beide über das Parkett.

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