Studie belegt Notwendigkeit der Reform des Risikostrukturausgleichs

DORTMUND. Ein Ziel eines funktionierenden Gesundheitssystems sollte es sein, dass Menschen gar nicht erst erkranken. Der Prävention müsste demnach größte Beachtung geschenkt werden. Doch Krankenkassen, die in die Gesundheitsvorsorge ihrer Versicherten investieren, werden benachteiligt. Das belegt ein Gutachten der Innungskrankenkassen, zu denen auch die Dortmunder BIG direkt gesund gehört.

Deckungslücke von 43,6 Millionen Euro

Beim Finanzausgleich unter den 118 gesetzlichen Krankenkassen (Stand 01.01.2016) steht die Krankheitsdiagnose im Vordergrund. Für Präventionsangebote werden die Kassen hingegen finanziell bestraft. Bei den Innungskrankenkassen summiert sich die entsprechende Deckungslücke im Jahr 2014 auf rund 43,6 Millionen Euro. Das zeigt das Gutachten des Wissenschaftlichen Instituts für Gesundheitsökonomie und Gesundheitssystemforschung, Leipzig, auf. Die Studie wurde heute (19. April) in Berlin vorgestellt. Aufgrund der Ergebnisse fordern die beteiligten Kassen eine Reform des sogenannten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs, kurz Morbi-RSA.

Daten von 6,25 Millionen Versicherten ausgewertet

Für die Untersuchung haben die Innungskrankenkassen anonymisierte Daten von rund 6,25 Millionen Versicherten aus dem Zeitraum von 2010 bis 2014 zur Verfügung gestellt. Gebildet wurden zwei Gruppen – jene, die in den Jahren 2010 und 2011 Präventionsleistungen in Anspruch genommen haben. Als Kontrollgruppe wurden Personen herangezogen, die keine Präventionsmaßnahmen wahrgenommen haben und in Merkmalen wie Alter, Geschlecht und Krankheitslast mit der Präventionsgruppe übereinstimmen. Untersucht wurde die Entwicklung von Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck, die durch Vorsorgemaßnahmen wie Bewegung und gesunde Ernährung positiv beeinflusst werden können. Darüber hinaus betrachteten die Gutachter die Ausgaben der Krankenkassen und die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds.

Fataler Mechanismus

Erstes Ergebnis ist, dass die Patienten in der Präventionsgruppe signifikant weniger krank waren als die in der Kontrollgruppe. Damit geht einher, dass der Anstieg der Krankheitskosten im Zeitverlauf in der Präventionsgruppe geringer ausfällt als in der Nichtpräventionsgruppe. Doch an dieser Stelle setzt ein fataler Mechanismus ein: Trotz sinkender Krankheitskosten erwirtschaften die Innungskrankenkassen aufgrund der Zuweisungssystematik des Gesundheitsfonds ein Defizit.

Keine Anreize für Investition in Prävention

„36 Euro beträgt das Defizit im Jahre 2014 bei den Versicherten, die an Präventionsprogrammen teilgenommen haben. Und das obwohl sie gesünder bleiben und ihre Ausgaben weniger stark steigen. So setzt man keine Anreize für eine Investition in Prävention“, sagt Peter Kaetsch, Vorstandsvorsitzender der BIG direkt gesund und ergänzt: „Das ist eigentlich ein Skandal: Krankenkassen, die auf Gesundheitsförderung setzen, werden finanziell benachteiligt.“ Die BIG fordert daher, dass Maßnahmen zur Prävention künftig stärker als bisher durch den Morbi-RSA finanziert werden. Peter Kaetsch: „Das Gutachten zeigt mehrere Wege auf, wie künftig der Morbi-RSA mehr Anreize für Prävention liefern kann.“

Der Morbi-RSA

Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) ist das wichtigste Steuerungsinstrument im solidarisch geprägten Finanzverteilungssystem der gesetzlichen Krankenkassen ( GKV-System). Rund 200 Milliarden Euro wurden im Jahr 2015 für die medizinische Versorgung von rund 70 Millionen Versicherten über den Morbi-RSA verteilt.

Hier finden Sie die Studie zum Download::
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