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Lest hier, was Medical Gaslighting bedeutet, warum es passiert, wer häufiger davon betroffen ist und wie ihr euch dagegen wehren könnt.
Was ist Medical Gaslighting?
Der Begriff Medical Gaslighting beschreibt ein Phänomen, das in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit bekommt: Er bezeichnet Situationen, in denen Ärzt*innen die gesundheitlichen Beschwerden von Patient:innen herunterspielen, anzweifeln oder psychologisieren – also nicht als reale körperliche Symptome anerkennen.
Der Begriff leitet sich vom englischen Wort Gaslighting ab, das ursprünglich eine Form psychologischer Manipulation bezeichnet, bei der Betroffene dazu gebracht werden, an ihrem eigenen Wahrnehmungsvermögen zu zweifeln.
Im medizinischen Kontext kann dies bedeuten, dass eine Person wiederholt hört: „Das ist nur Stress“, „Sie übertreiben“, oder „Ihre Werte sind völlig in Ordnung, da ist nichts.“ Betroffene gehen dann oft mit dem Gefühl nach Hause, überempfindlich zu sein oder sich ihre Symptome einzubilden. Häufig vergehen dadurch Monate oder Jahre, bis eine tatsächliche Diagnose gestellt wird – wenn überhaupt.
Medical Gaslighting ist also nicht nur emotional belastend, sondern kann auch schwere gesundheitliche Konsequenzen haben, weil notwendige Behandlungen zu spät oder nie erfolgen.

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Welche Menschen erfahren häufiger Medical Gaslighting?
Medical Gaslighting betrifft grundsätzlich alle Menschen, aber nicht alle gleich stark. Besonders häufig erleben es Frauen.
Gender-Health-Gap
Hier spielt der sogenannte Gender-Health-Gap eine zentrale Rolle: Er beschreibt die systematischen Unterschiede in der medizinischen Versorgung zwischen den Geschlechtern, insbesondere zulasten von Frauen. Sie hören dann oft Sätze wie: „Das ist ganz normal“, „Das haben viele Frauen“, „Da müssen Frauen einfach durch" oder „Das spielt sich alles in Ihrem im Kopf ab“.
Einige Beispiele betroffener Gruppen und Erkrankungen
Generell bei Schmerzen
Studien zeigen, dass Schmerzen bei Frauen im Durchschnitt später ernst genommen, seltener adäquat behandelt und häufiger als „psychosomatisch“ eingestuft werden.*Herzinfarkt bei Frauen
Da die Herzinfarkt-Symptome bei Frauen andere sind als bei Männern, werden sie häufiger fehlgedeutet und Frauen versterben sogar dadurch. Anstatt Brustschmerzen haben Frauen bei einem Herzinfarkt nämlich eher Rückenschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit. Und, ihr ahnt es schon … Spricht eine Frau von Müdigkeit, fallen schnell Vermutungen wie Depression, Burnout und „einfach zu viel Stress“.Themenseite: Herzgesundheit von FrauenHormonell bedingte Beschwerden/Erkrankungen
Etwa im Zusammenhang mit Endometriose, PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom), Wechseljahren oder Hashimoto-Thyreoiditis – werden die Symptome häufig übersehen oder bagatellisiert.Endometriose: Diagnose oft erst nach JahrenChronische Erkrankungen
Auch Menschen mit chronischen Erkrankungen erleben (Medical) Gaslighting überdurchschnittlich oft, da ihre Symptome oft schwer messbar sind oder nicht in ein gängiges medizinisches Schema passen.
Spezielle Krankheiten wie Fibromyalgie, ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom), Long Covid und Post Vac werden nicht immer vollständig verstanden und deshalb oft in ihrer Schwere unterschätzt oder gar komplett geleugnet.
Hinzu kommt eine Vielzahl an seltenen chronischen Erkrankungen wie das Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS). Wobei man betonen muss, dass "selten" nicht unbedingt stimmt, da hohe Dunkelziffern aufgrund von Fehldiagnosen nicht ausgeschlossen werden können.Mehr zu ME/CFSMarginalisierte Menschen
Ebenso sprechen häufiger Menschen mit Einwanderungsgeschichte häufiger von Medical Gaslighting. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede oder Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen können dazu führen, dass Symptome vorschnell fehlinterpretiert oder ignoriert werden.
Weitere Gruppen, die oft bei der medizinischen Diagnostik und Behandlung benachteiligt sind: Personen der LGBTQ-Community, ältere und behinderte Menschen.Psychische Erkrankungen
Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben häufiger Medical Gaslighting. Zwar wird ihnen oft geglaubt, dass sie sich nicht gut fühlen, doch bis zu einer offiziellen Diagnose wie Depression oder Angststörung ist es oft ein langer Weg. Häufig wird die Schwere ihrer Symptome infrage gestellt. Dabei spielt nicht nur Medical Gaslighting eine Rolle: Vor allem Männer gaslighten sich häufig selbst, indem sie ihre Beschwerden und Emotionen nicht wahrnehmen und offen benennen. Bei Frauen wird oft wieder von Übertreibung oder Hysterie gesprochen. Und Menschen, die sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen, wird ihr damit verbundenes psychisches Leid oft nicht geglaubt.8 psychische Erkrankungen: Wenn die Seele leidetNeurodivergenz bei Mädchen und Frauen
Nachdem Frauen in puncto Neurodivergenz über viele Jahrzehnte hinweg übersehen bis ignoriert wurden, wendet sich langsam das Blatt. Dennoch werden die Anzeichen von z. B. ADHS und Autismus bei Mädchen und Frauen immer noch oft belächelt und spät bis gar nicht diagnostiziert.

Auffällig unauffällig: ADHS-Symptome bei Mädchen
Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – ist keine neue Erkrankung. Dennoch gilt sie bei Mädchen und Frauen mittlerweile als unterdiagnostiziert und unterbehandelt, weshalb Expert*innen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. So wird derzeit ADHS bei Jungen immer noch drei- bis viermal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Warum eigentlich und inwiefern kann sich ADHS bei Mädchen und Jungen unterscheiden?
Quelle
- *Quelle: PNAS (2024) :Sex bias in pain management decisions
Wie entsteht Medical Gaslighting?
Medical Gaslighting entsteht oft nicht unbedingt absichtlich und meist aus einer Kombination struktureller, psychologischer und gesellschaftlicher Faktoren.
Zeitdruck
Ein zentraler Punkt ist der Zeitdruck im Gesundheitssystem. Ärzt*innen müssen oft innerhalb weniger Minuten Diagnosen stellen und Entscheidungen treffen. Komplexe oder unspezifische Symptome passen da oft nicht ins Raster. Wenn dann gängige Laborwerte unauffällig sind, wird schnell angenommen, dass kein ernstes Problem vorliegt.
Objektiv vor subjektiv
Hinzu kommt ein traditionelles medizinisches Selbstverständnis, das objektive Messwerte über subjektive Patientenerfahrungen stellt. Gefühle, Schmerzen oder Erschöpfung gelten dabei oft als „weiche Faktoren“, die weniger Gewicht haben als Labor- oder Bilddiagnostik. Gerade bei Erkrankungen, die schwer messbar sind, fühlen sich Betroffene häufig unverstanden, und bildgebende Verfahren werden sowieso oft erst nach zahlreichen Arztbesuchen veranlasst.
Geschlechtsspezifische Vorurteile
Auch geschlechtsspezifische Vorurteile spielen eine Rolle. Frauen wurde historisch eine größere emotionale Instabilität oder „Hysterie“ unterstellt – ein Begriff, der bis ins 20. Jahrhundert hinein medizinisch verwendet wurde. Diese Denkmuster wirken bis heute nach: Studien zeigen, dass Ärzt:innen Symptome bei Männern eher körperlichen, bei Frauen hingegen psychischen Ursachen zuschreiben.
Geschlechtersensible Medizin und ausführliche Anamnese
Zudem fehlt es in Forschung und Lehre noch immer an Diversität. Viele medizinische Studien basieren auf männlichen Probanden, wodurch geschlechtsspezifische Unterschiede – wie etwa beim Herzinfarkt – in der Symptomatik übersehen werden. Geschlechtersensible Medizin sollte längst zum Standard im Medizinstudium gehören, ist dort jedoch weiterhin die Ausnahme.
Hinzu kommen laut Expert*innen Unterschiede in der Kommunikation. So würden Frauen ein starkes Druckgefühl im Gegensatz zu Männern nicht als Schmerz bezeichnen. Hier sind wieder Ärzt*innen gefordert, den Symptomen genau auf den Grund zu gehen und sich somit auch ausreichend Zeit für Anamnese und Untersuchung zu nehmen. Auch dieser Aspekt gehört zur Gendermedizin und sollte in einem ausführlichen Anamnese-Gespräch mitbedacht werden.
So seid ihr gegen Medical Gaslighting gewappnet!
Medical Gaslighting lässt sich nicht vollständig verhindern, aber als Betroffene könnt ihr euch wappnen und Strategien entwickeln, um euch vor Mediziner*innen besser zu behaupten.
- 1
Symptome dokumentieren
Führt ein Symptom-Tagebuch mit Datum, Häufigkeit, Schweregrad und möglichen Auslösern. Schriftliche Aufzeichnungen helfen, eure Wahrnehmung zu untermauern und Ärzt*innen konkrete Anhaltspunkte zu geben. - 2
Selbstbewusst auftreten
Bereitet Arztgespräche gezielt mit Stichpunkten, Fragen und konkreten Erwartungen vor. Zum Beispiel: „Ich möchte eine weiterführende Untersuchung“ statt „Ich mache mir Sorgen“. - 3
Unterstützung mitnehmen
Eine Begleitperson kann helfen, das Gespräch zu strukturieren und Aussagen zu bestätigen. Gerade in emotional belastenden Situationen ist es hilfreich, nicht allein zu sein. - 4
Grenzen setzen
Wenn ihr spürt, dass ihr abgewertet oder übergangen werdet, sprecht es offen, aber respektvoll und bestimmt. Ein Satz wie „Ich fühle mich gerade nicht ernst genommen“, kann helfen, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zurückzuführen. - 5
„Zweit"meinung einholen
Wenn ihr das Gefühl habt, nicht ernst genommen zu werden, holt euch weitere Meinungen ein. Unterschiedliche Perspektiven können (neue) Diagnosen oder Behandlungswege eröffnen. Und mit Zweitmeinung sind gerade bei chronischen Erkrankungen wie ME/CFS mehr als zwei Meinungen notwendig, um die richtige Diagnose zu bekommen und Behandlungsmaßnahmen ergreifen zu können.Ärztliche Zweitmeinung - 6
Informieren und vernetzen
Online-Communitys, Patient*innenorganisationen und Selbsthilfegruppen bieten nicht nur emotionale Unterstützung, sondern auch wertvolles Wissen über spezialisierte Fachärzt*innen und Behandlungsoptionen.
Zum Weitelesen – auch für medizinisches Personal:

Disease Management Programme (DMP) bei chronischen Erkrankungen

Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS)
Die BIG-Gesundheitsredaktion verbindet journalistisches Know-how mit medizinischem und kommunikativen Fachwissen.
