Vaginismus: Rund 30 Prozent aller Frauen leiden unter Scheidenkrämpfen

Letzte Aktualisierung: 15. Dezember 2025Lesezeit: 5 Minuten
Verkrampfungen der Scheiden- und Beckenbodenmuskeln können für die betroffenen Frauen sehr schmerzhaft sein. Welche Ursachen Vaginismus hat, wie die Diagnose erfolgt und welche Therapien dir helfen können.
Gynäkologin hält Modell eines weiblichen Beckenknochens mit Muskeln

Inhalt

Was ist Vaginismus?

Brennende, stechende Schmerzen und ein starkes Zusammenziehen der Muskulatur. Wenn Frauen unter Vaginismus leiden, dann erleben sie diese Symptome beispielsweise beim beim Geschlechtsverkehr, beim Einführen eines Tampons oder bei gynäkologischen Untersuchungen. Allein die Erwartung einer Berührung kann die Anspannung verstärken. Fachlich wird Vaginismus heute häufig als Teil einer sexuellen Schmerz-‑ oder Angststörung verstanden, die dich im Alltag und in Beziehungen erheblich belasten kann.

Primärer und sekundärer Vaginismus

Man unterscheidet zwei Formen: Beim primären Vaginismus bestehen die Verkrampfungen von Anfang an – Penetration war nie oder kaum möglich. Beim sekundären Vaginismus entwickeln sich die Beschwerden erst im Laufe des Lebens, zum Beispiel nach belastenden Erfahrungen, medizinischen Eingriffen, Schmerzen beim Sex oder in den Wechseljahren. Wichtig: Beide Formen sind behandelbar.

Vaginismus oder Dyspareunie?

Vaginismus wurde lange von der Dyspareunie getrennt. Letztere steht für wiederkehrende Schmerzen beim Sex, die allerdings nicht krampfartig sind. Da sich beide Beschwerdebilder nicht eindeutig voneinander trennen lassen, werden sie unter Vaginismus beziehungsweise Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) zusammengefasst.

Vaginismus-Symptome: Wie sich die Beschwerden zeigen

Die Ausprägung ist individuell. Manche erleben Krämpfe nur in sehr stressigen Situationen oder ausschließlich beim Sex, andere bereits beim Gedanken an Penetration. Neben der unwillkürlichen Verkrampfung der Vaginal- und Beckenbodenmuskulatur treten häufig starke Schmerzen beim vaginalen Geschlechtsverkehr, Einführen eines Tampons, Fingers, Spekulums oder von Sexspielzeug auf. Hinzu kommen Angst oder Vermeidung sexueller Aktivitäten und gynäkologischer Untersuchungen. Über die Zeit können Schuldgefühle, Scham, Rückzugstendenzen oder depressive Verstimmungen hinzukommen. Ein „totaler Vaginismus“ bedeutet, dass jede Berührung im Scheidenbereich einen Krampf auslösen kann.

Vaginismus: Mögliche Ursachen und Auslöser

Die Reaktion ist meist ein erlernter Schutzmechanismus des Körpers – häufig unbewusst. Zentral sind Angst vor Schmerz oder Verletzung und Anspannung. Auslöser können sein: Befürchtungen, die Scheide sei „zu eng“, Angst vor Schwangerschaft oder Geburt, schmerzhafte gynäkologische Erfahrungen, sexualisierte Gewalt, Geburtstraumata, ein negatives Körperbild, partnerschaftliche Konflikte, Scham oder stark belastender Stress. Auch hormonelle Veränderungen, zum Beispiel in den Wechseljahren, oder Schmerzen anderer Ursache – etwa wiederkehrende Infektionen oder chronische Schmerzen im Bereich der Vulva – können eine Rolle spielen. Wichtig ist deshalb immer, organische Ursachen mitzuprüfen.

Wer ist von Vaginismus betroffen?

Zuverlässige Zahlen variieren, weil Definitionen und Erhebungsmethoden sich unterscheiden. Schätzungen reichen von niedrigen einstelligen bis zweistelligen Prozentbereichen. Klar ist: Sexuelle Schmerzstörungen sind nicht selten, und Faktoren wie depressive Symptome, chronischer Stress, tabuisierte Sexualität im familiären Umfeld oder begleitende körperliche Erkrankungen können das Risiko erhöhen. Auch in und nach den Wechseljahren berichten manche Frauen erstmals über vaginale Schmerzen und daraus entstehende Verkrampfungen.

Vaginismus sicher diagnostizieren: So läuft es ab

Zunächst werden andere Ursachen für Schmerzen abgeklärt – zum Beispiel Infektionen, Entzündungen (etwa Endometriose), Hauterkrankungen oder Narben nach Geburten/Operationen. Eine ausführliche Anamnese ist zentral: Seit wann bestehen die Beschwerden? In welchen Situationen treten die Krämpfe auf? Gab es belastende oder traumatische Erlebnisse? Wie geht es dir psychisch, wie erlebst du Sexualität in der Beziehung? Eine gynäkologische Untersuchung erfolgt behutsam, in deinem Tempo und nur mit deinem Einverständnis. Ein vertrauensvolles Verhältnis ist entscheidend: Du bestimmst, was möglich ist – Druck verschlimmert die Beschwerden.

Vaginismus behandeln: Was wirklich hilft

Die gute Nachricht: Vaginismus ist in der großen Mehrzahl der Fälle sehr gut behandelbar. Häufig kombiniert man psychotherapeutische und körperliche Ansätze:

  • Aufklärung und Reattribution: Zu verstehen, dass es sich um einen erlernten Schutzreflex handelt, nimmt Schuldgefühle und schafft einen ersten Ausstieg aus dem Angst-Spannungs-Schmerz‑Kreislauf.
  • Schrittweise Exposition und Desensibilisierung: In kleinen, gut kontrollierten Schritten gewöhnst du dich wieder an Berührung und Penetration. Das kann – zunächst allein – mit Spiegel, Gleitgel und Atem‑/Entspannungsübungen beginnen und später durch Vaginaldilatoren begleitet werden. Ziel ist, Spannung wahrzunehmen und aktiv zu lösen.
  • Beckenbodenphysiotherapie: Mit einer spezialisierten Physiotherapie lernst du, die Beckenbodenmuskulatur differenziert anzuspannen und vor allem zu entspannen. Biofeedback oder manuelle Techniken können unterstützen.
  • Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie hilft, angstfördernde Gedanken zu verändern und Sicherheitsverhalten zu reduzieren. Wenn Traumata bestehen, kann eine traumasensible Therapie (z. B. EMDR durch qualifizierte Therapierende) sinnvoll sein.
  • Sexual‑ und Paartherapie: Kommunikation, Nähe und alternative Formen der Sexualität ohne Penetrationsdruck können Belastungen reduzieren und Vertrauen fördern.
  • Medizinische Begleitung: Bei trockenen Schleimhäuten (z. B. in den Wechseljahren) kann eine lokal wirksame Östrogentherapie erwogen werden. Immer hilfreich: ausreichend Gleitmittel, Zeit, schmerzfreie Positionen und ein klares Stop-Signal‑. Alle Maßnahmen werden individuell und einvernehmlich geplant.

Vaginismus: Prognose und Vorbeugung

Mit einer individuellen, kombinierten Behandlung klingen Vaginismus-Beschwerden‑ in sehr vielen Fällen deutlich ab oder gehen vollständig zurück. Vorbeugung bedeutet in erster Linie, Risikofaktoren zu reduzieren: Nimm Schmerzen beim Sex ernst und suche frühzeitig Hilfe, sprich mit deiner Partnerperson offen über Grenzen und Wünsche, verzichte auf Penetrationsdruck, nutze ausreichend Gleitmittel und wähle schmerzfreie Positionen. Nach belastenden Erfahrungen oder in hormonellen Umstellungsphasen lohnt sich eine frühzeitige ärztliche oder therapeutische Beratung.

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Eine erfolgreiche Behandlung ist nur dann möglich, wenn rechtzeitig die richtige Diagnose gestellt wird. Da Frauen aber bei diversen Erkrankungen häufig andere Symptome oder andere Erkrankungen als Männer haben, kommt es nicht selten zu falschen oder verspäteten Diagnosen. Beispielsweise kann es bei der chronischen Unterbaucherkrankung Endometriose bis zu 15 Jahre bis zu einer Diagnose dauern.
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Quellen

  1. Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG) :
    Vulvodynia, vaginismus and painful sex
  2. International Society for the Study of Women’s Sexual Health (ISSWSH):
    Clinical guidance on genito‑pelvic pain/penetration disorder
  3. NHS:
    Vaginismus overview
  4. American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG):
    Dyspareunia and genito‑pelvic pain resources
Verfasst von
BIG-Redaktion

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