Frühchen mit der Mutter

Känguruhen: Intensiver Hautkontakt für Frühchen

Kommt ein Baby vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt oder wiegt bei der Geburt weniger als 2500 Gramm, gilt es offiziell als Frühgeburt. Die ersten Lebenswochen wird das Kind somit leider nicht zu Hause und in den Armen der Mutter und des Vaters, sondern erstmal im Krankenhaus in einem Inkubator verbringen. Seit den 90er-Jahren etabliert sich aber in Europa neben dem Brutkasten ein weiterer Ort, an dem Frühgeborene so lange wie möglich verweilen sollen. Auf dem nackten Bauch beziehungsweise der Brust der Eltern. Dieser Ort ist für Frühchen ein ganz natürlicher Brutkasten. Exakt so, wie der Kängurubeutel dem Kängurubaby als natürlicher Brutkasten dient. Selbst Ärzte bestätigen, dass das Känguruhen (auch Bonding genannt) nicht nur genau so sicher und förderlich für die kindliche Entwicklung ist wie der Inkubator, sondern weitere Vorteile mit sich bringt.

Körperkontakt statt Brutkasten!

Wenn euer Kind zu früh geboren wurde, bedarf es sicherlich ein wenig Übung, euren kleinen Schatz in den Armen zu wiegen. Zu groß ist die Angst, sich in den Schläuchen zu verheddern oder dem kleinen Erdenbürger weh zu tun. Diese Unsicherheit werdet ihr mit Hilfe von erfahrenen Pflegern und Pflegerinnen, Ärzten und eurer Hebamme allerdings schnell verlieren und vor allem merken, dass euer Baby gar nicht so zerbrechlich ist, wie es scheint. Je nachdem, wie gut euer Krankenhaus mit erfahrenem Personal bestückt ist, wird euch dann auch das Känguruhen nahegelegt. Die Känguru-Methode bedeutet, dass ihr täglich mindestens zwei bis drei Stunden euer Baby auf euren (nackten) Bauch beziehungsweise eure Brust legt. Dieser intensive Körperkontakt ersetzt quasi die Zeit im Brutkasten und bringt trotz medizinischer Überwachung folgende Vorteile mit sich:

Die wichtigsten Vorteile des Känguruhens

Kennenlernen

Statt euer Baby schnell für euch zu haben und in eurem privaten Umfeld kennenlernen und versorgen zu können, müsst ihr erstmal eine Weile auf diese wohl schönste und unvergesslichste Zeit verzichten. Ihr verbringt mit einem Frühchen also den größten Teil der ersten Wochen im Krankenhaus. Euren Wurm dann an Schläuchen angeschlossen im Brutkasten anzuschauen ist unglaublich schwer. Ganz abgesehen von den medizinischen Gründen könnt ihr durch das Känguruhen einen intensiven Kontakt mit eurem Baby herstellen, die erste gemeinsame Zeit trotz Krankenhausatmosphäre genießen und die Bindung zwischen euch und eurem Kind stärken. Auch der Vater sollte so oft es geht die intime Kuschelzeit durch die Känguru-Methode wahrnehmen. 🙂

Stillen und Hormone

Mütter haben häufig Probleme, Frühgeborene zu stillen. Kein Wunder, schließlich können euch bis zu drei Monate ‘Vorbereitungszeit’ und damit wichtige Hormone fehlen, die euch das Stillen erleichtern. Und weil ihr euer Baby nicht laufend an die Brust legen könnt und Frühchen nur bedingt in der Lage sind, die Muttermilch durch eigenes Saugen zu sich zu nehmen, müsst ihr die Muttermilch abpumpen. Dieses Prozedere ist für die betroffene Mutter sehr anstrengend und zuweilen auch frustrierend, da der direkte Körperkontakt zum Baby fehlt. Habt ihr aber die Möglichkeit euer Kind täglich über mehrere Stunden auf euren Bauch oder eure Brust zu legen, sorgt dieser intensive Körperkontakt auch dafür, dass sich euer Hormonhaushalt positiv entwickelt und ihr die Muttermilch leichter abpumpen könnt.

Muttermilch und Muttermilchbanken

Habt ihr also die Möglichkeit zu stillen, lasst euch von der Abpump-Methode nicht gleich abschrecken. Muttermilch hilft einem Frühchen zum Beispiel einer unzureichenden Durchblutung des Darms zuvorzukommen, unter der speziell zu früh geborene Babys leiden. Wieso ihr Muttermilch immer der Ersatznahrung vorziehen solltet, erfahrt ihr in unserem Beitrag Stillen ist gesund. Falls ihr euer Baby noch nicht stillen könnt, könnt ihr auch auf Milch von sogenannten Muttermilchbanken zurückgreifen.

Schnellere Entwicklung des Frühgeborenen

Außerdem wurde festgestellt, dass zu früh geborene Babys, denen das Känguruhen ermöglicht werden konnte, schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden können und sich geistig sowie körperlich schneller entwickeln. Zudem schütten sie deutlich weniger Stresshormone aus als die Frühgeborenen, die die meiste Zeit im Inkubator liegen und können auch ihre Körpertemperatur schneller eigenständig stabilisieren.

Känguruhen noch nicht etabliert

Trotz all dieser Vorteile, die der intensive Körperkontakt zwischen Frühchen und Eltern mit sich bringt, wird das Bonding auf den Geburtsstationen noch immer zu wenig praktiziert. Natürlich kommt es zuallererst auf den gesundheitlichen Zustand des Neugeborenen an. Nicht alle Frühgeborenen können bedenkenlos über mehrere Stunden aus dem Brutkasten genommen werden. Empfindet das Kind den Ortswechsel aber nicht als Stress und ist dieser Wechsel aus medizinischer Sicht unbedenklich, sollten Eltern so oft wie möglich ihr Baby auf den Bauch oder auf die Brust legen dürfen. Dass dieser an sich kleine Akt noch zu selten stattfindet liegt daran, dass meist zwei gut ausgebildete Kinderkrankenschwestern sowie ein Arzt beim Herausnehmen anwesend sein sollten. Zum einen besteht aber häufig ein Mangel an diesen Fachkräften und zum anderen ist noch nicht allen Geburtsstationen bewusst, wie viele Vorteile das Känguruhen für Baby und Eltern mit sich bringt. An sich spricht aber nichts dagegen, das Kind trotz Beatmungsschläuchen und Ernährungssonden vom Brutkasten auf die Brust der Mutter oder des Vaters zu legen. Zwei bis drei Stunden pro Tag sollten dann das Minimum sein. In Schweden (Stockholm) zum Beispiel verbringen Frühchen rund 70 Prozent ihrer Krankenhaus-Phase auf der elterlichen Brust. Sofern bei euch also nichts dagegen spricht, seid beharrlich und besteht darauf, dass euch das Krankenhaus in diesem Wunsch unterstützt.

 

Unser Tipp:

Um das Risiko einer Frühgeburt zu minimieren, bietet euch die BIG eine zusätzliche kostenlose Vorsorgeuntersuchung an.

Schwangere Frau sitzt auf dem Bett und hält ihren Babybauch