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Was ist ein Nabelschnurvorfall?
Ein Nabelschnurvorfall kann unbemerkt zu einer lebensbedrohlichen Geburtskomplikation werden. Er entsteht, wenn die Nabelschnur nach dem Blasensprung vor oder neben dem Kopf oder dem vorangehenden Körperteil des Babys in den Geburtskanal gelangt. In dieser Situation kann die Nabelschnur abgedrückt beziehungsweise eingeklemmt werden, wodurch die Sauerstoff- und Blutversorgung des Babys beeinträchtigt ist.
Wie häufig ist ein Nabelschnurvorfall?
Ein Nabelschnurvorfall gehört wie bereits erwähnt zu den seltenen Geburtskomplikationen. Aktuelle medizinische Daten zeigen, dass er bei etwa 0,1 % bis 0,6 % aller Geburten auftritt. Das entspricht ungefähr 1 bis 6 Fällen pro 1.000 Geburten.¹
Mögliche Ursachen für einen Nabelschnurvorfall
Bestimmte Voraussetzungen können die Wahrscheinlichkeit eines Nabelschnurvorfalls erhöhen, insbesondere wenn das Kind beim Blasensprung noch nicht fest im Becken liegt.
Dazu zählen unter anderem:
• Beckenendlage oder Querlage
• Frühgeburtlichkeit
• Mehrlingsschwangerschaften
• vermehrte Fruchtwassermenge
• vorzeitiger Blasensprung
• medizinische Eingriffe wie ein künstlich eingeleiteter Blasensprung (Amniotomie)
Das Vorliegen eines oder mehrerer Risikofaktoren bedeutet nicht, dass es zwangsläufig zu einem Nabelschnurvorfall kommt. Sie dienen vielmehr der medizinischen Einschätzung und der erhöhten Aufmerksamkeit vor und während der Geburt.
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Warum ist der Nabelschnurvorfall ein Notfall?
Die Nabelschnur ist für die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Kindes entscheidend. Wird sie unterbrochen, ist eine ausreichende Versorgung nicht mehr möglich. Typischerweise zeigen sich dann Veränderungen der kindlichen Herztöne. Der Nabelschnurvorfall wird deshalb als geburtshilflicher Notfall eingestuft.
Diagnostik während der Geburt
In der klinischen Geburtshilfe wird das ungeborene Kind kontinuierlich überwacht.
Hinweise auf einen Nabelschnurvorfall können sein:
- akute Veränderungen im CTG
- eine bei der Untersuchung tastbare oder sichtbare Nabelschnur
- Auffälligkeiten unmittelbar nach dem Blasensprung
Durch diese Überwachung wird ein Nabelschnurvorfall in der Regel rasch erkannt.
Maßnahmen im Notfall
Wird ein Nabelschnurvorfall festgestellt, handelt es sich um eine akute geburtshilfliche Notfallsituation, die sofortiges und koordiniertes Handeln erfordert. Ziel ist es, den Druck auf die Nabelschnur schnellstmöglich zu reduzieren und die Sauerstoffversorgung des Babys zu sichern.
- Lagerung der Schwangeren Die Mutter wird in eine spezielle Position gebracht, etwa in Beckenhochlagerung oder Knie-Ellbogen-Lage. Diese Lagerungen können den Druck des vorangehenden Kindsteils auf die Nabelschnur verringern.
- Manuelle Druckentlastung Zusätzlich kann der Druck auf den Kopf oder den vorangehenden Körperteil des Babys durch gezielte manuelle Maßnahmen reduziert werden. Dies dient der kurzfristigen Entlastung der Nabelschnur, bis weitere Schritte erfolgen.
- (Notfall-)Tokolyse In vielen Fällen wird eine medikamentöse Wehenhemmung eingesetzt. Durch das vorübergehende Aussetzen der Wehentätigkeit kann der Druck auf die Nabelschnur weiter reduziert und wertvolle Zeit gewonnen werden.
- Schnelle Entbindung In der Regel erfolgt die Geburt anschließend per Kaiserschnitt, da dies die schnellste und sicherste Form der Entbindung ist. Das konkrete Vorgehen hängt vom Geburtsfortschritt und der individuellen Situation ab.
- Schutz der vorgefallenen Nabelschnur Ist die Nabelschnur bereits sichtbar, wird sie mit sterilen, warmen und feuchten Kompressen abgedeckt. Das schützt sie vor Austrocknung und Kältereizen, die die Durchblutung zusätzlich beeinträchtigen könnten.
Einordnung aus geburtshilflicher Sicht
In der öffentlichen Wahrnehmung gilt der Nabelschnurvorfall häufig als besonders risikoreich und beängstigend. Fachlich betrachtet handelt es sich jedoch laut Hebammen um eine seltene und gut beherrschbare Komplikation, sofern sie rechtzeitig erkannt wird. Moderne Überwachungsmethoden und standardisierte Abläufe haben die Diagnose und erforderlichen Maßnahmen deutlich verbessert.
Quellen
- ¹Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG):Umbilical Cord Prolapse (Green-top Guideline No. 50)
- ²DHZ:Hebammen-Kritik
- MSD Manual:Zum Vertiefen
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