Lippen-Kiefer-Gaumenspalte: Ursachen, Diagnostik und Behandlung

Letzte Aktualisierung: 07. Juli 2026Lesezeit: 6 Minuten
In Deutschland kommt etwa eines von 500 Neugeborenen mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (LKGS) zur Welt. Damit ist sie eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen.* Zum Glück gibt es mittlerweile sehr gute medizinische Möglichkeiten, um diese angeborene Fehlbildung zu korrigieren und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern. Lest hier, was eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist, welche Arten es gibt, wie sie erkannt wird und welche Behandlungen zur Verfügung stehen.
Mutter hält ihr Baby mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte liebevoll auf dem Arm, während das Baby über die Schulter interessiert in die Kamera schaut und zu winken scheint

Was ist eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte?

Die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (LKGS) ist eine angeborene Fehlbildung im Gesichtsbereich. Dabei sind Teile der Oberlippe, des Kiefers oder des Gaumens während der embryonalen Entwicklung nicht vollständig zusammengewachsen.

Je nach Ausprägung beziehungsweise Art kann nur die Lippe betroffen sein oder auch der Kiefer und der Gaumen. Diese Spalte kann einseitig oder beidseitig auftreten und beeinflusst sowohl das äußere Erscheinungsbild als auch wichtige Funktionen wie Atmung, Nahrungsaufnahme und Sprachentwicklung.

Weder „Hasenscharte“, noch „Wolfsrachen“!

Der früher verwendete Begriff „Hasenscharte“ wird heute nicht mehr genutzt, da er als veraltet und abwertend gilt. Auch die Bezeichnung „Wolfsrachen“ stammt aus einer Zeit, in der medizinische Zusammenhänge noch nicht ausreichend verstanden wurden und äußere Merkmale oft mit Tierbildern beschrieben wurden. Beide Begriffe können für Betroffene und ihre Familien verletzend sein, weshalb in der modernen Medizin und im Alltag die sachliche und korrekte Bezeichnung Lippen-Kiefer-Gaumenspalte verwendet wird.

Welche LKGS-Arten gibt es?

Die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte tritt in unterschiedlichen Formen auf. Je nach Art sind unterschiedliche Korrekturen und begleitende Therapien notwendig. 

Die häufigsten Arten sind:

  • Isolierte Lippenspalte:betrifft ausschließlich die Oberlippe.
  • Lippen-Kieferspalte:Hier ist zusätzlich der Kiefer betroffen.
  • Isolierte Gaumenspalte:Die Spalte betrifft nur den Gaumen, äußerlich oft nicht sichtbar.
  • Lippen-Kiefer-Gaumenspalte:Die vollständig ausgeprägte Form, bei der alle drei Bereiche betroffen sind.

Wie wird die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte diagnostiziert?

In vielen Fällen wird eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bereits während der Schwangerschaft erkannt. Moderne Ultraschalluntersuchungen ermöglichen häufig eine Diagnose ab dem zweiten Trimester. Nach der Geburt erfolgt eine genaue Untersuchung durch spezialisierte Fachärztinnen und Fachärzte. Dabei wird beurteilt, welche Strukturen betroffen sind und wie stark die Spalte ausgeprägt ist.

Welche Ursachen können zu einer LKGS führen?

Die Entstehung einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist komplex und lässt sich in den meisten Fällen nicht auf einen einzelnen Auslöser zurückführen. Fachleute gehen davon aus, dass sowohl genetische Veranlagungen als auch äußere Einflüsse während der Schwangerschaft eine Rolle spielen. Häufig ist es ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die die Entwicklung der Gesichtstrukturen im frühen Embryonalstadium beeinflussen.

Äußere Einflüsse scheinen dabei einen großen Anteil zu tragen. Sie können die empfindlichen Entwicklungsprozesse in den ersten Schwangerschaftswochen stören, in denen sich Lippe, Kiefer und Gaumen ausbilden.

Zu den bekannten Risikofaktoren gehören:

• genetische Veranlagung innerhalb der Familie 

• Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft, zum Beispiel Röteln, Mumps oder Toxoplasmose 

• Einnahme bestimmter Medikamente mit möglichen Nebenwirkungen auf die Embryonalentwicklung 

• Drogen- oder Nikotin- oder Alkoholkonsum in der Schwangerschaft 

• Mangel an wichtigen Nährstoffen wie Folsäure oder Vitamin B12

• in Einzelfällen auch eine Überversorgung mit bestimmten Vitaminen 

Wie stark einzelne Faktoren tatsächlich zur Entstehung beitragen, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Klar ist jedoch, dass solche Einflüsse das Risiko für Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen im Allgemeinen erhöhen können. Entsprechend wichtig ist eine gute medizinische Betreuung während der Schwangerschaft sowie eine möglichst gesunde Lebensweise.

Mehr Sicherheit und Gesundheit mit dem Schwangerschaftsbudget der BIG

Um die Risiken einer LKGS zu senken, könnt ihr euch mit dem Schwangerschaftsbudget der BIG als Leistungsplus unter anderem auf Toxoplasmose testen lassen oder notwendige Nahrungsergänzungsmittel wie Folsäure oder Vitamin B12 damit abdecken. 

Alle Infos

Wie werden die verschiedenen Formen behandelt?

Die Behandlung einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte erfolgt individuell und in mehreren Schritten. Sie erstreckt sich oft über viele Jahre und wird von einem interdisziplinären Team (oft in Spaltzentren) begleitet.

Bereits kurz nach der Geburt kommen häufig unterstützende Maßnahmen zum Einsatz, etwa eine individuell angepasste Gaumenplatte (auch Trinkplatte genannt). Diese erleichtert dem Säugling das Trinken, trennt Mund- und Nasenraum und kann gleichzeitig das Wachstum des Kiefers positiv beeinflussen.

Die operativen Maßnahmen beginnen in der Regel bereits im ersten Lebensjahr und unterscheiden sich je nach Form der Spalte.

Die häufigsten Arten und Korrekturen:

  • Isolierte Lippenspalte Der frühzeitige operative Verschluss der Lippe steht im Vordergrund, damit sich Funktion und Aussehen möglichst normal entwickeln. Der Eingriff erfolgt meist in den ersten Lebensmonaten. Manchmal müssen auch Teile der Nase korrigiert werden.
  • Isolierte Gaumenspalte Hier liegt der Fokus auf dem Verschluss des Gaumens, da dieser entscheidend für die Sprachentwicklung und die Trennung von Mund- und Nasenraum und die Mittelohrbelüftung ist. Der Eingriff erfolgt in einem Zeitfenster, das eine möglichst ungestörte Sprachentwicklung ermöglicht.
  • Lippen-Kieferspalte Neben dem Verschluss der Lippe wird die Entwicklung des Oberkiefers berücksichtigt. Im späteren Verlauf kann ein knöcherner Aufbau notwendig sein, damit sich die Zähne korrekt im Zahnbogen einordnen können.
  • Lippen-Kiefer-Gaumenspalte Diese Form erfordert mehrere aufeinander abgestimmte Operationen, bei denen Lippe, Kiefer und Gaumen schrittweise korrigiert werden. Die Behandlung ist umfangreicher und wird engmaschig begleitet.

Ästhetisch-funktionelle Korrekturen

Auch nach den grundlegenden Operationen sind bei vielen Betroffenen weitere Eingriffe sinnvoll, um ästhetisch-funktionelle Beschwerden zu verbessern. Ziel ist es, mögliche Einschränkungen im Alltag zu reduzieren und ein möglichst natürliches Erscheinungsbild zu erreichen. In einigen Fällen kann es nach den ersten Eingriffen zu funktionellen Auffälligkeiten kommen, etwa zu einem näselnden Klang beim Sprechen. Darüber hinaus können auch ästhetische Anpassungen notwendig sein, insbesondere im Bereich der Nase oder der Oberlippe. Im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter können weitere Eingriffe folgen wie etwa zur Korrektur der Nasenscheidewand, zur Verbesserung der Kieferstellung oder zur Behandlung eines Fehlbisses. 

Begleitende Therapien

Begleitend zu den Operationen kommen verschiedene unterstützende Maßnahmen zum Einsatz, die sich je nach Alter und Verlauf unterscheiden:

  • Ernährungsunterstützung im Säuglingsalter:z. B. Stillberatung oder spezielle Füttertechniken, um die Nahrungsaufnahme zu erleichtern.
  • HNO-ärztliche Betreuung:regelmäßige Kontrollen zur frühzeitigen Behandlung von Hörproblemen und Mittelohrentzündungen.
  • Logopädie:gezielte Förderung der Sprach-, Sprech- und Stimmentwicklung.
  • Kieferorthopädie:Korrektur von Zahn- und Kieferfehlstellungen, bei Bedarf auch mit Zahnspange.
  • Psychologische Unterstützung:Begleitung von Kind und Familie bei emotionalen Belastungen.
  • Selbsthilfe und Austausch:Elterninitiativen und Gruppen bieten Unterstützung und Erfahrungsaustausch im Alltag.

Warum ist eine frühe Behandlung so wichtig?

Eine frühzeitige Behandlung ist entscheidend, um die körperliche und sprachliche Entwicklung möglichst wenig zu beeinträchtigen. Sie sorgt dafür, dass grundlegende Funktionen wie Nahrungsaufnahme, Atmung und später auch das Sprechen von Anfang an unterstützt werden. Gleichzeitig wird das Wachstum von Kiefer und Gesicht positiv beeinflusst, sodass sich Fehlstellungen oft vermeiden oder zumindest deutlich reduzieren lassen.

Wird mit der Therapie dagegen zu spät begonnen, können sich bestehende Probleme verstärken. Dazu zählen insbesondere Schwierigkeiten beim Essen und Trinken, eine verzögerte Sprachentwicklung oder Sprachstörungen bei Kindern sowie ein erhöhtes Risiko für Hörprobleme durch wiederkehrende Mittelohrentzündungen. Auch Kiefer- und Zahnfehlstellungen können ausgeprägter werden und spätere, aufwändigere Behandlungen erforderlich machen.

Bei einer frühzeitigen und konsequenten Behandlung sind die langfristigen Aussichten jedoch sehr gut. Viele betroffene Kinder entwickeln sich sowohl funktionell als auch sozial weitgehend unauffällig und können im Erwachsenenalter ein Leben ohne wesentliche Einschränkungen führen.

Quelle

  1. *Universitätsklinikum Jena:
    Weitere Infos
Verfasst von
BIG Redaktion

Die BIG-Gesundheitsredaktion verbindet journalistisches Know-how mit medizinischem und kommunikativen Fachwissen.