Digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Letzte Aktualisierung: 30. Oktober 2026Lesezeit: 8 Minuten
Digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen nimmt immer weiter zu: Ob es eine bedrohliche oder beleidigende Nachricht ist, ein privates Foto, das ohne Zustimmung ins Netz gestellt wird oder ein KI-generiertes und komplett erfundenes Video oder Bild (Deepfake). Wir haben für euch zusammengefasst, welche Formen es gibt, warum Victim Blaming ein großes Problem ist und wie ihr euch vor digitaler Gewalt schützen könnt.
Junge Frau schaut besorgt auf ihr Smartphone

Was ist digitale Gewalt?

Gerade Frauen und Mädchen sind von sexualisierten und unterdrückenden Formen digitaler Gewalt durch Männer und Jungen betroffen. Digitale Gewalt steht für Angriffe, Belästigungen, Bedrohungen oder Übergriffe, die mithilfe digitaler Technologien stattfinden. Dazu gehören soziale Netzwerke, Messenger-Dienste, E-Mails, Online-Plattformen oder andere digitale Räume wie die Manosphäre (engl. Manosphere) – Interneträume, in denen Männer ihre Dominanz verteidigen, Gewaltphantasien äußern, Frauen sexualisieren, bedrohen, unterdrücken und Frauen für ihre und gesellschaftliche Probleme verantwortlich machen. Und die Digitalisierung macht es Tätern leicht, frei zu walten, bedenkt man, wie schnell Informationen verbreitet werden und dass anonyme und Fake-Accounts heute an der Tagesordnung stehen. 

Frauen und Mädchen häufiger betroffen

Die Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ von Das NETTZ, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, HateAid und den Neuen deutschen Medienmacher*innen zeigt, dass fast jede zweite befragte Person bereits online beleidigt wurde. Besonders betroffen sind neben Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund und queeren Menschen junge Frauen: 30 Prozent berichteten von digitaler Gewalt, 42 Prozent hatten bereits ungefragt ein Nacktfoto erhalten. Auch andere Untersuchungen zeigen, dass Frauen besonders häufig sexualisierte Formen digitaler Gewalt erleben.*

Orange Day 2026

Der Orange Day am 25. November macht jedes Jahr auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam. Der internationale Gedenktag rückt auch digitale Gewalt und in diesem Jahr explizit die Verantwortung von Jungen und Männern stärker in den Fokus: Beleidigungen, Bedrohungen, sexualisierte Angriffe und die Verbreitung manipulierter Inhalte sind Formen von Gewalt, die ernst genommen und bekämpft werden müssen.

UN Women Deutschland – Orange the World

Digitale Gewalt betrifft Frauen in verschiedensten Lebenssituationen

Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen wie Journalistinnen, Politikerinnen, Aktivistinnen, Künstlerinnen oder Influencerinnen in den sozialen Medien, werden eher publik, aber genauso sind Frauen und Mädchen, die nicht bekannt sind, betroffen. Und oft kommen die Täter aus dem nahen Umfeld: Vom (Ex-)Partner über Arbeitskollegen und Nachbarn bis hin zu Klassenkameraden oder Kommilitonen. Gefahr lauert leider überall.

Beispiele für digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Digitale Gewalt kann viele verschiedene Formen annehmen. Häufig geht es darum, Macht und Kontrolle auszuüben, Frauen und Mädchen zu entwürdigen, zu sexualisieren, einzuschüchtern oder sie aus digitalen Räumen zu verdrängen. 

Häufige Formen digitaler Gewalt

  • Cybermobbing: Wiederholte Beleidigungen, Drohungen oder gezielte Angriffe über soziale Netzwerke und Chats. Hier geht's zu unseren Tipps gegen Mobbing.
  • Cyberstalking: Kontaktieren, Verfolgen, Überwachen und Bedrohen einer Person über digitale Kanäle. Häufig verbunden mit sexuellen Belästigungen. Dazu werden z. B. auch elektronische Hilfsmittel wie Airtags benutzt: Täter verstecken die Geräte unauffällig in Kleidung, Taschen oder am Auto ihrer Opfer.
  • Cybergrooming: Täter gewinnen gezielt das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen, um sie sexuell auszubeuten oder zu missbrauchen.
  • Sextortion: Erpressung mit intimen Aufnahmen
  • Doxxing: Das unerlaubte Veröffentlichen persönlicher Daten wie Adresse, Telefonnummer oder Arbeitsplatz. Dadurch können Betroffene zusätzlich gefährdet werden.
  • Nicht einvernehmliches Erstellen und Veröffentlichen intimer Bilder: Private Fotos oder Videos werden ohne Zustimmung verbreitet, um Frauen und Mädchen zu sexualisieren, beschämen, erpressen oder zu kontrollieren. Auch Upskirting und Downblousing zählen dazu: Das heimliche Filmen von Genitalien, dem Gesäß, der weiblichen Brust oder der Unterwäsche beispielsweise auf dem Oktoberfest, auf Einsehbaren Treppen usw.
  • Digitale Kontrolle in Beziehungen: Dazu zählen beispielsweise das Einfordern von Passwörtern, das Kontrollieren von Internetaktivitäten oder die Überwachung des Aufenthaltsortes.
  • Deepfakes: Mithilfe künstlicher Intelligenz können manipulierte Bilder, Videos oder Audiodateien erstellt werden, die eine Person in Situationen zeigen, die nie stattgefunden haben.
  • Smart Glasses: Sie sehen aus wie klassische (Sonnen-)Brillen, sind aber mit einer Kamera und KI-Funktionen ausgestattet und verbinden ähnlich wie beim Upskirting die analoge mit der digitalen Welt. Und sie werden zunehmend zu einer Gefahr, da sie häufig genutzt werden, um Frauen und Kinder in privaten und intimen Situationen heimlich aufzunehmen und diese Aufnahmen digital zu verbreiten.

So erkennt ihr Smart Glasses und findet versteckte Airtags

Auf den ersten Blick sehen Smart Glasses sie aus wie normale Seh- oder Sonnenbrillen. Sie haben jedoch immer dickere Gestelle und die Kamera befindet sich auf der Vorderseite. Wird ein Video aufgezeichnet, leuchtet eine kleine LED-Lampe auf der Vorderseite auf. Zudem gibt es mittlerweile Apps, die euch warnen, wenn andere Bluetooth-Geräte in eurer Nähe sind. So wisst ihr immerhin, dass beispielsweise im Schwimmbad oder auf einem Spielplatz eine verdächtige Person mit Brille in eurer Nähe sein könnte. In Schwimmbädern ist das Fotografieren und Filmen sowieso verboten. Habt ihr einen Verdacht, meldet diesen unbedingt dem Personal. Datenschützer*innen halten es jedoch für möglich, dass diese Brillen in Deutschland bald verboten werden könnten

Wer den Verdacht hat, heimlich mit einem Tracker verfolgt zu werden, ist dem nicht hilflos ausgeliefert. Moderne Smartphones warnen inzwischen automatisch: Auf dem iPhone erscheint eine Meldung, wenn ein fremder AirTag über längere Zeit mit euch unterwegs ist. Auf Android-Geräten solltet ihr dafür Standortdienste und Bluetooth eingeschaltet lassen und in den Einstellungen unter „Bluetooth-Tracker“ die Warnungen vor unbekannten Trackern aktivieren. Zusätzlich können spezialisierte Apps die Umgebung aktiv nach versteckten Geräten absuchen. Auch ein akustisches Signal kann einen Hinweis geben: AirTags melden sich mit einem Ton, wenn sie eine Zeit lang keinen Kontakt zu ihrem Besitzer hatten. Allerdings ist das kein hundertprozentig sicherer Schutz, denn der Ton ist leicht zu überhören. Verlasst euch deshalb nicht auf eine einzelne Funktion, sondern kombiniert die automatischen Warnungen mit gelegentlichen Kontrollen per App. (Quelle: YouTube Frauenhauskoordinierung e.V.)

Welche Folgen kann digitale Gewalt haben?

Digitale Gewalt wird oft verharmlost, aber gerade weil sie einmal verbreitet kaum noch zu kontrollieren ist, fühlen sich Frauen oder Mädchen oft dauerhaft beobachtet, bedroht und ausgeliefert. Manche ziehen sich aus sozialen Netzwerken zurück, meiden öffentliche Auftritte. Zudem erschüttert es das Sicherheits- und Selbstwertgefühl sowie das Vertrauen in Männer nachhaltig. Hinzu kommt die Sorge, dass der eigene Ruf dauerhaft beschädigt wurde. Gerade sexualisierte Deepfakes oder intime Inhalte, die ohne Zustimmung veröffentlicht werden, können dazu führen, dass Betroffene im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit stigmatisiert, herabgewürdigt oder nicht mehr ernst genommen werden. Besonders belastend ist es, wenn Betroffenen nicht geglaubt wird oder ihre Erfahrungen verharmlost werden. Das kann Scham, Ohnmacht und das Gefühl verstärken, mit den Erlebnissen allein zu sein. Außerdem kann es zu dauerhaften psychischen Beschwerden oder Erkrankungen wie Ängsten, Schlafstörungen, chronischem Stress bis hin zu Depressionen führen. Umso wichtiger ist es, diesen Frauen und Mädchen zuzuhören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und ihnen ohne Schuldzuweisungen zu begegnen.

Junges Mädchen spricht mit ihrer Mutter über ihre Sorgen

mentalis CareNow: Soforthilfe für junge Menschen mit psychischen Belastungen

Digitale Gewalt, FOMO, Klimawandel, Kriege, Leistungsdruck, Optimierungswahn: Es ist kein Wunder, dass psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. Da Therapieplätze vor Ort Mangelware sind und Hilfe oft zeitnah benötigt wird, bietet die BIG Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Programm mentalis CareNow als digitale und kostenlose Soforthilfe an.

Alle Infos

Frauen und Mädchen erleben oft Victim Blaming

Obwohl die Verantwortung für (digitale) Gewalt immer beim Täter liegt, werden gerade weibliche Opfer meist ein zweites Mal zur Zielscheibe, wenn sie ihre Erfahrungen teilen. Diese Täter-Opfer-Umkehr, auch Victim Blaming genannt, entsteht bereits dann, wenn Aussagen wie „Ignorier das einfach“ oder „Das ist bald wieder vergessen“ von Außenstehenden getätigt werden oder wenn ihnen vorgeworfen wird, sie hätten bestimmte Bilder oder Videos nicht verschicken, bestimmte Plattformen nicht nutzen dürfen oder generell vorsichtiger sein müssen. Der neueste Ratschlag, um sich vor Smart Glasses zu schützen lautet sogar: „Spiel laut Disney Songs, wenn du vermutest, heimlich gefilmt zu werden“, weil die Nutzung urheberrechtlich geschützter Musik eher geahndet werde als die Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Doch eben diese Denkweise lenkt von den eigentlichen Verantwortlichen ab und verstärkt die mentale Belastung und die Scham der Opfer.

So könnt ihr euch vor digitaler Gewalt schützen

Schutzmaßnahmen können helfen, die eigene digitale Sicherheit zu erhöhen, packen das Problem nur leider nicht an der Wurzel. Dennoch sind sie (leider) wichtig. Doch auch wenn ihr diese Maßnahmen nicht befolgt, tragt ihr niemals die Schuld, wenn euch digitale Gewalt widerfährt.

Hilfreich sind diese Maßnahmen:

  • so gut wie möglich die Privatsphäre im Netz schützen 
  • sichere und unterschiedliche Passwörter für verschiedene Konten nutzen 
  • zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren
  • Privatsphäre-Einstellungen regelmäßig überprüfen 
  • bedrohliche Nachrichten, Profile oder Beiträge über Screenshots dokumentieren und sichern
  • Profile/Inhalte melden und blockieren
  • bei Beleidigungen, Bedrohungen, Stalking, Deepfakes, Verletzung der Persönlichkeitsrechte etc. Anzeige erstatten und weitere Unterstützung durch Beratungsstellen suchen
  • Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen schulen und Jungen mehr Verantwortungsbewusstsein vermitteln 

So unterstützt ihr Betroffene

Wenn jemand digitale Gewalt erlebt, ist es wichtig, die betroffene Person ernst zu nehmen und ihr zuzuhören. Vorwürfe oder Fragen, warum sie sich nicht anders verhalten habe, helfen nicht und sind nicht in Ordnung (Victim Blaming).

Unterstützen könnt ihr, indem ihr:

  • zuhört und die Erfahrungen der betroffenen Person ernst nehmt 
  • gemeinsam Beweise sichert 
  • beim Melden von Inhalten oder Profilen helft 
  • euch gemeinsam bei Beratungsstellen meldet*
  • die Entscheidungen der betroffenen Person respektiert

Mehr Täterbestrafung als Verantwortung bei Betroffenen

Neben den genannten Schutzmaßnahmen ist es entscheidend, dass Täter konsequent(er) zur Verantwortung gezogen werden. Genau daran hapert es jedoch häufig: Gerade Frauen und Mädchen erleben oft, dass digitale Angriffe verharmlost werden oder ihnen nicht geglaubt wird, Verfahren lange dauern oder es schwierig ist, die Täter hinter anonymen Accounts, gefälschten Profilen oder manipulierten Inhalten zu ermitteln. Mehr Ermittlungsressourcen, eine konsequentere Anwendung und Einhaltung bestehender Gesetze, neue und härtere Gesetze und ein stärkeres Bewusstsein für digitale Gewalt sind deshalb entscheidend.

Verfasst von
BIG Redaktion

Die BIG-Gesundheitsredaktion verbindet journalistisches Know-how mit medizinischem und kommunikativen Fachwissen.