Was bedeutet Tend and Befriend?
Das Tend-and-Befriend-Konzept wurde von der US-Psychologin Shelley Taylor Anfang der 2000er-Jahre entwickelt und stammt aus der Stressforschung. Taylor beschreibt damit ein häufiges Verhalten bei Frauen in stressigen Zeiten: Anstatt in den Fight-and-Flight-Modus zu wechseln, alles in sich hineinzufressen, sich bei Problemen zurückzuziehen oder in den Gegenangriff zu gehen, suchen Frauen bei ihren Freundinnen meist aktiv nach Nähe und Unterstützung, um über das Geschehene und ihre Gefühle zu sprechen und sie zu verarbeiten.
„Tend" steht hierbei für das Kümmern um andere Menschen, während „Befriend" das Knüpfen und Pflegen sozialer Beziehungen beschreibt.
Was bedeutet Co-Regulation?
Der im Zusammenhang mit Tend and Befriend beschriebene Umgang mit Stress lässt sich auch über das Konzept der Co-Regulation erklären. Dabei werden im Körper messbare Stressreaktionen beeinflusst: Der Cortisolspiegel kann sinken, während Oxytocin ansteigt und sich der Herzschlag beruhigt. Statt Belastungen ausschließlich allein zu bewältigen, helfen Gespräche, Verständnis und emotionale Nähe dabei, Stress abzubauen. Viele Frauen nutzen diese Form des tiefgründigen Austauschs intuitiv. Ein Telefonat mit der besten Freundin, ein offenes Gespräch beim Spaziergang oder eine unterstützende Nachricht können bereits dazu beitragen, innere Anspannung zu reduzieren. Dabei geht es nicht darum, Probleme sofort zu lösen. Oft genügt das Gefühl, verstanden und nicht allein zu sein und die Situation erstmal so zu akzeptieren, wie sie gerade ist. Genau dieser soziale Rückhalt wirkt wie ein Schutzschild gegen die negativen Folgen stressiger oder belastender Zeiten und unterstützt bei der Verarbeitung.
Forschungen zu Tend and Befriend und zur Co-Regulation zeigen, dass soziale Verbundenheit eine zentrale Rolle bei der Stressbewältigung spielt und dass sowohl Frauen als auch Männer soziale Unterstützungsstrategien nutzen. Der Unterschied ist jedoch, dass Frauen im Durchschnitt häufiger auf emotionale Nähe und unterstützende Interaktion zurückgreifen.
Nervensystemberuhigung führt zu neuen Perspektiven
Und auf diesen achtsamen Austausch folgt keine Stagnation, sondern häufig eine Öffnung für neue Perspektiven, Gedanken, Handlungsoptionen und Strategien zur Problemlösung. Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass ihr immer einer Meinung seid oder euren Freundinnen alles erzählt. Allein das Innehalten und Sackenlassen von Emotionen und Reaktionen und unterschiedliche Perspektiven öffnen oft schon den Weg zu mehr Achtsamkeit, Um- und Weitsicht.
Verdrängung führt oft zu Problemen
Da Männer dagegen vieles mit sich allein ausmachen und verdrängen, bleibt die emotionale Regulation oft auf der Strecke. Anders gesagt: Ja, einen freien Kopf kann man(n) durch Sport, Gaming, ein lockeres Feierabendbierchen und Co. kurzzeitig bekommen, aber das hat nichts mit offener Kommunikation über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die seines Gegenübers, Reflektion, Aufarbeitung und Problemlösung zu tun. Und leider führt fehlende emotionale Regulation im schlimmsten Fall zu psychischen Problemen wie Depressionen, Ängsten, Burnout und Süchten bis hin zu Gewalt.
Quelle
- PubMed Central:DOI: 10.1037/0033-295x.107.3.411
Was Männer von Frauenfreundschaften lernen können
Natürlich haben auch Männer enge Freundschaften. Aber es lohnt sich, sich zu fragen, für was genau die Freundschaften genutzt werden und wie man(n) generell eine gute Männerfreundschaft definiert. Wurde sie bislang vor allem über gemeinsame Aktivitäten wie Sport, Gaming oder Arbeit definiert, dürfen auch mal intime Gespräche, in denen offen über Gefühle, Konflikte, Sorgen und Ängste gesprochen wird, ergänzt werden.
Mögliche Ansatzpunkte:
- sprecht häufiger über persönliche Themen.
- lasst emotionale Gespräche zu.
- Kontakt unabhängig von Aktivitäten pflegen. Trefft euch z. B. auch mal tagsüber ganz bewusst auf einen Kaffee (statt auf das obligatorische Feierabendbier).
- nehmt Unterstützung an und gebt sie zurück.
Freundschaften fördern unsere Gesundheit
Auch wenn Frauen oft tiefere Freundschaften als Männer pflegen, bleibt es eine Herausforderung, sie im zunehmenden Alter zu erhalten. Oft liegt der Fokus dann auf Familie (Care-Arbeit) und Beruf. Freundschaften werden häufig unterschätzt, obwohl sie generell einen enormen Einfluss auf unsere psychische und körperliche Gesundheit, Widerstandskraft und Lebenszufriedenheit haben und sogar vor depressiven Symptomen schützen können. So berichten Erwachsene, die enge Freundschaften pflegen oder neu aufbauen in einer Studie häufiger von einer besseren psychischen Verfassung als Menschen mit wenigen sozialen Kontakten. Dabei entsteht die positive Wirkung jedoch nicht zwingend durch die Anzahl der Kontakte. Entscheidend ist vor allem die Qualität der Beziehungen: Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl echter Verbundenheit machen den Unterschied. Freundschaften können Belastungen zwar nicht verhindern, sie helfen jedoch dabei, Herausforderungen besser zu verarbeiten. Sie schützen vor Einsamkeit, unter der immer mehr Menschen leiden und sie helfen, langfristig gesünder zu bleiben. Das heißt natürlich nicht, dass Freundschaften keine Aktivitäten sowie lustige und leichte Zeiten beinhalten dürfen. Das gehört selbstverständlich genauso zu einer guten Freundschaft. Aber meist bedingt das eine ja auch das andere, denn nur wenn wir uns wohl- und mit all unseren Facetten angenommen fühlen, können wir auch echte Verbundenheit, Ausgelassenheit und Freude verspüren.
Quelle
- Sage Journals:https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/02654075251321385
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