Vulvodynie: Chronische Schmerzen im Vulvabereich

Letzte Aktualisierung: 23. September 2026Lesezeit: 5 Minuten
Sprechen wir über Frauengesundheit, sollte auch Vulvodynie ein Thema sein. Viele Frauen erleben im Laufe ihres Lebens Schmerzen im Intimbereich, die sich nicht erklären lassen und sehr belastend sind. Wenn Brennen, Stechen oder ein dauerhaftes Wundgefühl im äußeren Genitalbereich auftreten, ohne dass Infektionen oder andere klare Ursachen gefunden werden, kann es sich um die chronische Schmerzerkrankung Vulvodynie handeln.
Frau hat Schmerzen im Intimbereich

Und weil das Thema Gendermedizin und vor allem Erkrankungen, die ausschließlich Frauen betreffen, immer noch nicht ausreichend in Medizin und Politik Beachtung finden, ist Vulvodynie kaum bekannt und wird nur selten, gar nicht oder sehr spät diagnostiziert. 

Was ist Vulvodynie?

Vulvodynie ist eine chronische Schmerzerkrankung im Bereich der Vulva, also des äußeren weiblichen Genitalbereichs, ohne dass eine eindeutig erkennbare organische Ursache wie eine Infektion oder Hauterkrankung vorliegt. Die Beschwerden bestehen über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten und können dauerhaft oder wiederkehrend auftreten.

Medizinisch wird zwischen zwei Formen unterschieden:

  • Primäre Vulvodynie: Hierbei treten die Schmerzen erstmals ohne vorherige auslösende Erkrankung auf. Häufig beginnt das Beschwerdebild bereits in jüngeren Jahren, manchmal im Zusammenhang mit dem ersten vaginalen Geschlechtsverkehr oder ohne erkennbaren Auslöser.
  • Sekundäre Vulvodynie: Diese entwickelt sich später im Leben, wahrscheinlich durch oder nach einer Erkrankung oder medizinische Eingriffe.

Was sind die Symptome?

Typisch für Vulvodynie sind brennende, stechende oder schneidende Schmerzen im äußeren Intimbereich beziehungsweise in den inneren und äußeren Schamlippen, der Klitoris und manchmal auch im gesamten Scheiden- und Harnröhreneingangsbereich. Die Intensität nimmt im Laufe des Tages meist zu. Manche erleben auch Phasen mit relativ geringen bis gar keinen Beschwerden, gefolgt von deutlich stärkeren Schmerzepisoden.

Man unterscheidet hier noch mal zwischen zwei Vulvodynie-Formen:

  1. 1 Lokalisierte Vulvodynie: Hier ist nur ein begrenzter Teil wie z. B. die Schamlippen betroffen.
  2. 2 Generalisierte Vulvodynie: Hier schmerzt die gesamte Vulva.

Weitere mögliche Symptome:

  • Brennen (z. B. durch Reibung oder Druck)
  • Brennen beim und nach dem Wasserlassen
  • Berührungsempfindlichkeit im Vulvabereich
  • Juckreiz
  • Wund- und Trockenheitsgefühl
  • gereizte und rote/violette Schleimhäute 
  • feine Schleimhautrisse 
  • Beckenbodenschmerzen (sollte dieser auch betroffen sein)
  • Probleme beim Wasserlassen (durch erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur): (z. B. Reizblase, verzögerter/schwacher Harnstrahl, sofortiger Urinabgang)
  • Beschwerden beim Geschlechtsverkehr
  • psychische Beschwerden durch die chronischen Symptome, Schlafmangel und Sorgen, häufig auch durch den Kampf um eine Diagnose.

 

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Wie viele Frauen sind betroffen und in welchem Alter tritt Vulvodynie auf?

Vulvodynie ist deutlich häufiger, als viele Menschen vermuten. Schätzungen zufolge leben etwa sieben bis zehn Prozent der Frauen zu einem bestimmten Zeitpunkt mit den Beschwerden. Betrachtet man das gesamte Leben, gehen Forschende sogar davon aus, dass zehn bis 28 Prozent der Frauen irgendwann Symptome entwickeln. Da die Erkrankung oft unerkannt bleibt oder erst spät diagnostiziert wird, liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich höher. Zwar beginnen die Beschwerden häufig bereits im jungen Erwachsenenalter, sie können jedoch grundsätzlich in jeder Lebensphase auftreten und somit auch Frauen in den Wechseljahren oder nach der Menopause erstmals von Vulvodynie betroffen sein.

Was sind die Ursachen und Risikofaktoren?

Die Ursachen von Vulvodynie sind bislang nicht geklärt, was die Erkrankung für viele Betroffene besonders leidvoll macht, da Gendermedizin und speziell die Erforschung reiner Frauenerkankungen immer noch vernachlässigt wird und Frauen zu häufig psychologisiert werden. Fachleute gehen von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus, die das Schmerzempfinden im Nervensystem verändern können.

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren sind unter anderem:

  • neurologische Veränderungen der Nervenfasern im Vulvabereich (Pudendusneuralgie, Polyneuropathie/Small-Fiber-Neuropathie) 
  • erhöhte Dichte von Nervenfasern im betroffenen Gewebe mit daraus resultierender gesteigerter Schmerzempfindlichkeit 
  • entzündliche Prozesse mit vermehrter Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen (auch ohne nachweisbaren aktiven Erreger) 
  • wiederkehrende Infektionen, vor allem durch Candida albicans (möglicher Auslöser oder Verstärker) 
  • ungewöhnliche Reaktion des Körpers auf Gewebsverletzungen (z. B. nach Operationen im Beckenbereich, vaginalen Geburten mit Dammverletzung oder mechanischen Traumata wie einem Sturz auf das Steißbein) 
  • hormonelle Einflüsse (z. B. Veränderungen im Östrogenspiegel) 
  • geschwächte/verspannte Beckenbodenmuskulatur 
  • eine Fehlregulation des Immunsystems (u.a. bei Mastzellaktivierung/MCAS/Histaminintoleranz, ME/CFS und Ehlers-Danlos-Syndrom), bei klassischen Allergien, atopischen Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder anderen überschießenden Immunreaktionen 
  • genetische Faktoren, die möglicherweise entzündliche Prozesse über eine veränderte Zytokinfreisetzung beeinflussen
  • enorme psychische Belastungen wie chronischer Stress, traumatische Erfahrungen (PTBS), Verlusterlebnisse oder generell anhaltende und extreme emotionale Belastungen.

Wichtig ist dabei, dass keiner dieser Faktoren allein als Ursache gilt. Vielmehr entsteht Vulvodynie wahrscheinlich durch ein Zusammenspiel mehrerer Einflüsse, die sich gegenseitig verstärken können.

Wie wird Vulvodynie diagnostiziert?

Die Diagnose der Vulvodynie erfolgt in der Regel schrittweise, da es keinen einzelnen Test gibt, der die Erkrankung eindeutig nachweist. Zunächst werden andere Ursachen wie Infektionen, Hauterkrankungen oder hormonelle Veränderungen ausgeschlossen. Die erste Anlaufstelle ist die gynäkologische Praxis, in der eine ausführliche Anamnese und gegebenenfalls der so genannte Q-Tip-Test, bei dem bestimmte Bereiche der Vulva vorsichtig auf Schmerzempfindlichkeit geprüft werden, durchgeführt wird. Sind die Mastzellen beteiligt, kann zudem eine Gewebeprobe entnommen werden.

Oft verläuft der diagnostische Weg nicht geradlinig. Viele Frauen suchen im Verlauf ihrer Beschwerden nicht nur mehrere frauenärztliche Praxen für eine ärztliche Zweitmeinung auf, sondern weitere Fachrichtungen wie Neurologie, Urologie oder Immunologie, insbesondere wenn neuropathische Schmerzen, Blasenbeschwerden oder immunologische Auffälligkeiten im Vordergrund stehen. Dabei kommt es nicht selten zu Fehl-, verspäteten oder gar keinen Diagnosen, bevor eine körperliche Ursache im Sinne einer Vulvodynie überhaupt berücksichtigt wird. In diesem Zusammenhang berichten Betroffene auch von Erfahrungen mit Psychologisierung der Symptome und Medical Gaslighting. Bis zur Diagnose erleben Betroffene daher viel Leid.

Wie werden chronische Vulvaschmerzen behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach den individuellen Beschwerden und erfordert meist einen multimodalen Ansatz, um verschiedene Ebenen der Schmerzentstehung zu beeinflussen.

Mögliche multimodale Behandlungsformen sind:

  • lokale Betäubungscremes oder schmerzlindernde Salben
  • Medikamente zur Beeinflussung der Nervenreizung, etwa bestimmte Antidepressiva oder Antikonvulsiva
  • Beckenbodenphysiotherapie zur Entspannung der Muskulatur
  • psychotherapeutische Begleitung zur Schmerzbewältigung 
  • spezielle Dehnungs- und Desensibilisierungstechniken
  • extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) 
  • Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS)
  • Antihistaminika und histamin- und säurearme Ernährung (bei MCAS gilt auch Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln, die Vitamin C bzw. Cranberry-Extrakt und Co. enthalten, da diese auch die Schleimhäute reizen und Erkrankungen wie Small-Fiber-Neuropathie verstärken können) 
  • Botox, Laserbehandlungen
  • Triggerpunktmassage

Ist Vulvodynie heilbar?

Ob Vulvodynie heilbar ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Während die Beschwerden bei manchen Frauen mit der richtigen Behandlung vollständig verschwinden, leiden andere über einen längeren Zeitraum oder in Schüben unter den Schmerzen. Entscheidend ist, die individuell zugrunde liegenden Faktoren möglichst früh zu erkennen und gezielt zu behandeln. Auch wenn sich Vulvodynie nicht in jedem Fall heilen lässt, können eine individuell abgestimmte Therapie und ein interdisziplinärer Behandlungsansatz die Beschwerden häufig deutlich lindern und die Lebensqualität verbessern.

Verfasst von
BIG Redaktion

Die BIG-Gesundheitsredaktion verbindet journalistisches Know-how mit medizinischem und kommunikativen Fachwissen.