Kinder motivieren: Warum Growth Mindset allein nicht reicht

Letzte Aktualisierung: 02. November 2026Lesezeit: 6 Minuten
Euer Kind sitzt vor einer Schulaufgabe oder einem Rätsel und legt es schließlich frustriert zur Seite. "Ich kann das einfach nicht!" Solche Situationen sind ganz normal und es ist wichtig, Kinder dann zu motivieren und darin zu bestärken, dass Fähigkeiten wachsen können. Und genau hier setzt das sogenannte Growth Mindset (Wachstumsdenken) an. Aber reicht das, um motiviert und erfolgreich durchs Leben zu gehen?
Kleines Mädchen übt Radfahren mit seinem Vater

Was bedeutet Growth Mindset bei Kindern und von wem stammt das Konzept?

Der Begriff Growth Mindset wurde von der US-amerikanischen Psychologin Carol Dweck in ihrem 2006 erschienenen Buch „Mindset: The New Psychology of Success“ geprägt. Sie unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Denkweisen:

Growth Mindset 

Kinder, die durch ihre Eltern Growth Mindset vermittelt bekommen, sollen dafür sensibilisiert werdet, dass sie neue Fähigkeiten Schritt für Schritt lernen und Strategien entwickeln können. Sie sagen eher: "Ich kann das noch nicht." Das kleine Wort "noch" macht dabei einen großen Unterschied. Es zeigt, dass etwas momentan zwar schwierig ist, sich mit Übung aber verändern kann. Ziel ist beim Growth Mindset allerdings nicht, dass Kinder irgendwann alles perfekt beherrschen, sondern ihnen vorzuleben und bewusst zu machen, dass Lernen ein Prozess und Entwicklung möglich ist.

Fixed Mindset

Das Gegenstück ist das Fixed Mindset. Kinder und Eltern mit dieser Haltung glauben eher, dass Begabungen angeboren und kaum veränderbar sind. Aussagen wie "Ich bin schlecht in Mathe" oder "Du bist einfach unsportlich" sind typische Beispiele.

Oft vermischen sich beide Denkweisen in Familien je nach Situation und manchmal ist leider fixed Mindset sehr ausgeprägt.

Wie funktioniert Growth Mindset?

Lernen braucht Zeit und entwickelt sich Schritt für Schritt. Unser Gehirn ist ein Leben lang lernfähig. Durch Übung und Wiederholung entstehen neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen (Neuroplastizität). Das bedeutet: Fähigkeiten sind nicht festgelegt, sondern können sich mit der Zeit weiterentwickeln. Genau auf diesem Gedanken basiert das Konzept Growth Mindset.

Warum geben manche Kinder schnell auf?

Nicht jedes Kind reagiert gleich auf Herausforderungen. Während einige neugierig weitermachen, verlieren andere schon nach wenigen Versuchen die Motivation. Das hat meist nichts mit Faulheit, sondern mit ihren bisherigen Erfahrungen zu tun. Wenn Kinder durch Eltern, Großeltern, Geschwister, Lehrkräfte oder Trainer*innen das Gefühl haben, alles sofort richtig machen zu müssen, entstehen schnell Druck, Frust und Versagensängste. Hinzu kommt, dass Erwachsene unbewusst falsche Signale senden können. Sätze wie "Du bist eben ein Mathegenie" oder "Sport liegt dir einfach nicht" klingen zwar harmlos und sollen manchmal auch den Druck nehmen, können aber den Eindruck vermitteln, dass Erfolg hauptsächlich von Talent abhängt. 

Warum wir Kinder nicht vergleichen sollten

Wir alle sind von Geburt an Individuen und jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Manche lernen früh Fahrrad fahren oder Rechnen und andere brauchen eben länger. Wer sich ständig mit anderen misst oder verglichen wird, verliert leicht den Blick auf die eigenen Fortschritte und 
Hilfreicher ist deshalb der Vergleich mit der eigenen Entwicklung. Fragen wie "Was kannst du heute besser als vor einem Monat?" oder "Woran hast du lange geübt?" lenken den Fokus auf persönliche Erfolge statt auf Konkurrenz. So lernen Kinder, dass Wachstum nicht bedeutet, besser zu sein als andere, sondern sich in seinem eigenen Tempo zu entwickeln und sich etwas zuzutrauen und es zu probieren.

Kind mit entspanntem Gesichtsausdruck

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Neben Motivation sind für Kinder auch regelmäßige Entspannung und guter Schlaf enorm wichtig. Die App von Aumio hilft Kindern spielerisch dabei, Stress zu reduzieren, achtsam mit sich selbst umzugehen und besser einzuschlafen. So stärken sie ihre mentale Gesundheit, ihr Selbstbewusstsein, wachsen entspannter auf und können sich dann auch besser auf ihre nächsten Meilensteine konzentrieren.

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Wie motiviert man Kinder am besten?

Als Eltern könnt ihr viel dazu beitragen, eure Kinder bereits durch kleine Veränderungen zu motivieren. 

Hilfreich ist zum Beispiel:

  • eine unterstützende Lernumgebung schaffen 
  • den Lernprozess statt das Ergebnis wertschätzen und euer Kind konkret und nicht pauschal loben: Ein Satz wie „Du hast heute verschiedene Lösungen ausprobiert und nicht aufgegeben" oder „Du hast den Buchstaben/Text dieses Mal so gut geschrieben, dass ich ihn lesen konnte", werden euer Kind motivieren und stolz machen.
  • Herausforderungen altersgerecht auswählen
  • Kindern Zeit zum Ausprobieren geben
  • gemeinsam nach Lösungen suchen, statt Aufgaben sofort zu übernehmen
  • das Wort „noch" bewusst einzusetzen. Statt zu sagen: „Du kannst das nicht", könnt ihr sagen: „Du kannst das noch nicht." 
     

Was sind die Vorteile eines Growth Mindsets?

Kinder mit einem Growth Mindset können einige positive Eigenschaften dadurch entwickeln.

Dazu können gehören:

  • Selbstwirksamkeit:weil Kinder erleben, dass sie durch eigenes Handeln Fortschritte machen können.
  • Selbstvertrauen:da sie sich auch schwierige Aufgaben zutrauen.
  • Selbstbewusstsein:weil sie ihre Fähigkeiten nicht von einzelnen Erfolgen, Misserfolgen Vergleichen oder Perfektion abhängig machen.
  • Offenheit für Neues:da unbekannte Herausforderungen weniger einschüchternd wirken.
  • Durchhaltevermögen und eine höhere Frustrationstoleranz:wenn etwas nicht sofort gelingt und weil Rückschläge als Teil des Prozesses verstanden werden.
  • Eigenmotivation:weil der Fokus auf dem Lernprozess statt auf Perfektion liegt.
  • Resilienz:da Enttäuschungen besser verarbeitet werden können.
  • Bessere Problemlösekompetenz:weil verschiedene Lösungswege und Strategien ausprobiert werden.
  • Vorteile bis ins Erwachsenenleben:denn Selbstwirksamkeit, Lernbereitschaft und Durchhaltevermögen können in der Ausbildung, im Beruf und bei persönlichen Herausforderungen helfen.

Man muss nicht alles können

Ein Growth Mindset bedeutet nicht, dass Kinder in jedem Fach Bestnoten schreiben oder jedes Hobby lieben müssen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Interessen, Stärken und natürlich auch Talente. Manche begeistern sich für Mathematik, andere für Sprachen, Musik oder Sport. Niemand muss in allem gleich gut sein. Klar gehört es in der Schule leider dazu, sich auch mit Fächern auseinanderzusetzen, die einem überhaupt keinen Spaß machen beziehungsweise schwerfallen. Eine schlechte Note ist somit kein Weltuntergang. Entscheidend ist dann umso mehr, dass sich Kinder zutrauen, Herausforderungen anzunehmen, sich mit schwierigen Themen trotzdem auseinanderzusetzen und sich nicht von Rückschlägen nicht komplett entmutigen zu lassen. Unsere Hausaufgabentipps für Eltern helfen euch und euren Kleinen dabei.

Außerhalb der Schule gilt das genauso und hier dürfen und sollen eure Kinder auch Mitspracherecht haben: Nicht jedes Hobby muss zur großen Leidenschaft werden. Wenn ein Kind etwas ausprobiert hat und merkt, dass es keine Freude daran hat, darf es auch wieder aufhören. Ihr sollt eure Kinder also keinesfalls zwingen, etwas zu lernen, sondern sie dazu motivieren, offen für Neues zu bleiben und herauszufinden, was zu den eigenen Interessen und Stärken passt. Übrigens ist auch Langeweile bei Kindern sehr wichtig.

Kritik am Growth Mindset: Wachstumsdenken ersetzt keine Chancengleichheit

Ein Growth Mindset ist nützlich, aber kein kein Allheilmittel, um alles immer erfolgreich zu schaffen. Zwar zeigen einige Studien positive Effekte, diese fallen jedoch meist eher klein bis moderat aus und sind nicht bei allen Kindern gleich stark. Zwei große Metaanalysen* kamen zu dem Ergebnis, dass Growth-Mindset-Interventionen nur einen geringen Einfluss auf schulische Leistungen haben. Positiv ist allerdings, dass am häufigsten Kinder mit niedrigem sozioökonimischen Sattus und einem erhöhten Risiko für schulischen Misserfolg profitierten. Eine weitere Studie kam zu vergleichbaren Ergebnissen. Hier verbesserten Schüler*innen, die an einem positiven Selbstbild arbeiteten, ihre Noten leicht und wählten häufiger anspruchsvollere Mathematikkurse. Dennoch betonen Kritiker*innen, dass beispielsweise ausreichender Schlaf im Vergleich zum Wachstumsdenken laut Studien ausschlaggebender beziehungsweise die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn ist. Hier findet ihr Einschlaftipps für Schulkinder. 

Außerdem kritisieren Expert*innen, dass das Konzept zu stark vereinfacht und warnen vor Victim Blaming. Denn die Annahme, dass Erfolg allein von der richtigen Einstellung und genügend Anstrengung abhänge, entspricht nicht der Realität und wird von meist von sehr privilegierten Menschen behauptet. Neben dem Wille und dem Versuch, etwas zu erreichen, hängt der Erfolg von weiteren wichtigen Faktoren wie der familiären Situation, finanziellen Möglichkeiten, gesundheitlichen Einschränkungen oder ungleichen Bildungschancen ab. Ein Growth Mindset kann somit Kinder unterstützen, ersetzt aber keine guten Lernbedingungen, individuelle Förderung, Chancengleichheit, ausreichend Schlaf und wertschätzende und liebevolle Beziehungen. Ähnlich verhält es sich mit Glücksunterricht. Sozial-emotionales Lernen dagegen sollte ebenfalls mehr im Fokus stehen und diese zehn Aussagen, die eure Kinder glücklich machen.

Verfasst von
BIG Redaktion

Die BIG-Gesundheitsredaktion verbindet journalistisches Know-how mit medizinischem und kommunikativen Fachwissen.