Podcast Februar 2016 - Demenz

Es gibt Krankheiten, die sind besonders schlimm. Zu ihnen gehört die Demenz – eine Erkrankung des Gehirns, die sich durch Gedächtnislücken und Störungen des Denkens und Fühlens zeigt. Besonders alte Menschen sind häufiger betroffen – rund eine Million Demenz-Kranke gibt es in Deutschland. In den nächsten Jahrzehnten könnte die Zahl auf drei Millionen steigen, so eine Schätzung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Schon der Begriff Demenz kann Angst machen. Das lateinische Wort „mens“ steht für Geist und Verstand. Die Vorsilbe „-de“ bedeutet herab und herunter. Lange Zeit galt Demenz als Tabuthema. Zu groß war die Scham. Doch seit dem Bekanntwerden der Krankheit bei Prominenten wie zum Beispiel Fußball-Manager Rudi Assauer oder dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan wird darüber auch in der Öffentlichkeit gesprochen.

Podcast Februar 2016 - Demenz

Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sich durch Gedächtnislücken und Störungen des Denkens und Fühlens zeigt. Heute sind 1 Million Deutsche betroffen, in den nächsten Jahrzehnten könnte die Zahl auf drei Millionen steigen, so eine Schätzung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Wir informieren, was zu tun ist, wenn man das Gefühl hat, dass ein Angehöriger betroffen ist.

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Das Thema

Inge Meysel, Gerd Müller, Gunther Sachs und Harald Juhnke – sie alle litten oder leiden an Demenz - eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Die BIG informierte dazu am 21. Januar in Dortmund vor rund 500 Besuchern. Anlass war der Auftakt zur Veranstaltungsreihe „BIGtalk“. Der Titel des Abends lautete: „Abschied auf Raten – Leben mit Demenz“. Auf dem Podium waren unter anderem der ehemalige SPD-Chef und einstige Vizekanzler Franz Müntefering und die Sportreporter-Legende Werner Hansch. Beide engagieren sich für dieses Thema:

Einen ganz persönlichen Zugang zum Thema hat Werner Hansch. Der bekannte Sportreporter berichtete bei der BIG von seinen Erfahrungen mit seinem Freund Rudi Assauer. Der ehemalige Schalke-Manager leidet seit einigen Jahren an Alzheimer, einer häufigen Form von Demenz: Dieser Rudi Assauer hat Anfang der 2000er Jahre seine spätere Krankheit kommen hören, wie ich das nenne. Assauer war genetisch vorgewarnt. Seine Mutter ist daran gestorben und sein 13 Jahre älterer Bruder ist jetzt auch schon einige Jahre tot. Und es war seine große innere Furcht, krieg ich es auch? Und irgendwann war es so weit, dass er sie nicht mehr gehört hat, sondern er hat sie gespürt.

Bei Assauer ging die Entwicklung schleichend voran. Ganz deutlich wurde die Krankheit 2010, wie sich Werner Hansch erinnert. Gemeinsam mit Assauer war er bei einer Podiumsdiskussion: Worum ging es? Um Fußball. Es fielen Namen und zwei Minuten später fielen dieselben Namen nochmal. Und Rudi stotterte: wie, was, wie hieß der? Da war bei mir der Moment, wo es klick gemacht hat. Es geht nicht mehr. Wir wurden nach Hause gefahren, mein Auto stand bei ihm Auf dem Hof. Und kurz vor der Haustür habe ich ihn gefragt, Rudi, ich möchte mit dir reden. Ich habe das Gefühl, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt. Und zwar mit deinem Kopf. Da kriegte er große Augen und einen krampfartigen Weinanfall.

So geht es vielen Patienten. Es fällt oft schwer, sich und den Angehörigen die Krankheit einzugestehen. Doch was passiert eigentlich mit den Betroffenen? Dr. Petra Dlugosch ist Chefärztin der LWL-Klinik Dortmund, in der Abteilung Gerontopsychiatrie. Sie erklärt: Das ist oft ein schleichender Prozess. Es gibt aber auch sehr unterschiedliche Verläufe. Bei dieser Alzheimer-Dement, die ja die häufigste der Demenzerkrankungen ist, geht das Wissen und das Denken verloren, urteilen und auch die Anpassungsfähigkeit an neue Situationen. Es fehlt dann zunehmend schwer, sich auf neue Situationen einzustellen. Aber auch Gedächtnisstörungen treten ein. Vor allem des Kurzzeitgedächtnisses.

In Deutschland leiden zurzeit rund eine Million Menschen an Demenz. In den allermeisten Fällen sind die Betroffenen älter als 60 Jahre. Auf die älter werdende Gesellschaft in Deutschland wies Franz Müntefering hin. Der ehemalige SPD-Vorsitzende, Minister und Vizekanzler beschäftigte sich mit dem demografischen Wandel und der Auswirkung auf das Zusammenleben:

Die Menschen leben länger als jemals zuvor. Wir sind im Moment vier Millionen über 80. Es werden im Jahr 2040 etwa 10 bis 11 Millionen sein, die über 80 sind. Da müssen wir keine Angst davor haben. Von den über 80-jährigen sind heute 80 Prozent so frisch, dass sie für sich selbst sorgen können. Mit kleinen Hilfen kommen sie gut durchs Leben. Es heißt, wir werden nicht nur älter, sondern wir werden relativ gesund älter.

Die Zahl der Demenzerkrankungen wird zunehmen. Darauf müssen sich auch das Gesundheitssystem und die Politik einstellen. Ein wichtiger Schritt dahin sind Gesetzesänderungen, die schon jetzt wirksam werden. Der Vorstandsvorsitzende der BIG, Peter Kaetsch:

Als die Pflegeversicherung gegründet wurde, war das Thema Demenz an der Stelle noch kein Thema. Wir haben dann eine Entwicklung gehabt. Und jetzt mit dem Pflegestärkungsgesetz haben wir einen Durchbruch. Es ist jetzt so, dass auch Krankheiten im psychologischen Bereich, kognitive Störungen, also jede Krankheit, wird auf einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff angerechnet. Und das ist ein echter Fortschritt. Seit Jahresbeginn gibt es die Pflegestufe 0. Das kommt Demenz-Patienten in frühen Stadien der Krankheit zugute. Und die Pflegeberatung wird verbessert und auch auf Angehörige ausgeweitet.

Tipp des Monats

JINGLE Tipp des Monats Demenz ist eine schwere Krankheit. Nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für die Angehörigen. Die Diagnose ist nicht immer einfach, denn es gibt viele verschiedene Erscheinungsformen. Auch wenn eine Heilung nicht möglich ist, kann man doch das Eine und das Andere unternehmen, um den Verlauf zu beeinflussen:

Die Symptome sind vielfältig: zum Beispiel Gedächtnisstörungen, fehlender Orientierungssinn, Sprachstörungen und mangelndes Denkvermögen. Ursache ist Zellverlust im Gehirn, wie Dr. Petra Dlugosch, Chefärztin für Gerontopsychiatrie an der LWL-Klinik in Dortmund, beschreibt: Hirnzellen gehen unter. Durch diese Atrophie, also die Schrumpfung des Gehirns, gehen dann auch die Fähigkeiten verloren. Da man aber nie weiß, welche Zelle gerade betroffen ist, kann man auch nicht genau vorhersagen, was nun wirklich los ist. Wer diese Symptome bei sich feststellt, der sollte frühzeitig zum Arzt, am besten zu erst zum Hausarzt:

Das ist auch sicher der erste Weg. Weil der Hausarzt kennt die Menschen sehr lange schon und ihm fallen auch Veränderungen eher auf. Was manchmal sehr fatal ist, wenn man denkt, ach das sind nur normale Alterserscheinungen, wenn aber doch eine Erkrankung dahinter steht. Man kann aber durch gezielte Befragungen und leichte Tests, die nicht sehr zeitintensiv sind, feststellen, ob das über eine normale Altersvergesslichkeit hinausgeht. Falls sich der Hausarzt nicht sicher ist, sollte eine Überweisung zum Facharzt ausgestellt werden.

Es gibt nicht nur die eine Form, sondern wenn man die „sekundären Demenzen“ anschaut, dann gibt es mindestens 30 Unterformen. Da kann man sich vorstellen, dass man genauer hinschauen muss. Zum Beispiel Schilddrüsen-Unterfunktion sollte man untersuchen, Denn wenn die Schilddrüsenunterfunktion behandelt wird, dann ist diese Demenz auch reversibel, also wieder zu verändern.

Ist jemand an Demenz erkrankt, dann sind Bewegung und Sport hilfreich. Natürlich immer dem Alter angemessen:

Man trainiert ja die Muskeln. Und die Muskeln haben ja einen Platz im Gehirn, wo sie sich darstellen. Und wenn ich die Muskeln trainiere, dann trainiere ich auch das Gehirn. Oder bei Klavierspielern sagt man, dass die bis ins hohe Alter häufig nicht an Demenz erkranken, weil es ein großes Areal von der Hand im Gehirn gibt. Und so kann man es auf den ganzen Körper bezogen sehen.

Gedächtnistraining wird ebenfalls empfohlen. Alles, was das Gehirn anregt. Eine gesunde Ernährung ist auch vorteilhaft. Außerdem sollten Betroffene darauf achten, dass andere Krankheiten die Symptome nicht noch verschlimmern:

Wichtig ist auch die Einstellung von anderen Erkrankungen. Also Bluthochdruck, Diabetes und solche Sachen, das muss man gut einstellen, damit nicht Durchblutungsstörungen auch Hirnareale zerstören.

Je nach Schweregrad können die meisten Demenzkranken zuhause versorgt werden, rund 70 Prozent. Teilweise unterstützt von ambulanten Pflegediensten. Finanzielle Unterstützung gibt es von der Pflegeversicherung. Ein Antrag dazu muss bei der Pflegekasse gestellt werden.

Betroffene und Angehörige finden Hilfe zum Beispiel bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Im Internet gibt es Informationen zur Krankheit, zur Behandlung und die Nummer eines Beratungstelefons. Die Adresse lautet: www.deutsche-alzheimer.de Darüber hinaus gibt es deutschlandweit viele Beratungszentren und Selbsthilfegruppen.

Hilfreich snd natürlich auch Fachbücher. Wie auch Vorlese- und Hörbücher speziell für Demenzkranke. Und, wer ihn noch nicht gesehen hat, dem sei der Film „Honig im Kopf“ mit Dietmar Hallervorden empfohlen. Er greift einen wichtigen Aspekt bei diesem ansonsten traurigen Thema auf: Humor.

Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie gesund. Tschüss.

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